Polen, Geschichte und die Flüchtlingskrise: Warschaus Antwort fordert einen ernüchternden Blick auf die Vergangenheit

Kinder aus Warschau Ghetto geschmuggelt von Irene Sendler und versteckt in einem polnischen Kloster, 1941.
Kinder aus Warschau Ghetto geschmuggelt von Irene Sendler und versteckt in einem polnischen Kloster, 1941.
1. September 2017 – VoxEurop

Die andauernde Ablehnung der Polnischen Regierung von Flüchtlingen kommt uns unangenehm bekannt vor. Ist es an der Zeit, von den Tragödien des 20. Jahrhunderts zu lernen?

„Polen lässt sich von der EU nicht dazu erpressen, sich selbst zu schaden.“ Mit diesen Worten hat Polens Ministerpräsidentin Beata Szydło den Plan zur Umverteilung von Flüchtlingen der Europäischen Kommission Anfang des Jahres zurückgewiesen. Nach dem Terroranschlag in Barcelona vergangene Woche wiederholte Innenminister Mariusz Błaszczak ihre Worte und fügte hinzu, dass das Umverteilungsprogramm „sich als ein gefährlicher Fehler herausgestellt hätte“ und dass die einzig effiziente Möglichkeit für Europa, Tragödien wie jene in Spanien zu verhindern, sei, „seine Türen gänzlich zu verschließen“.

Polens Politiker rechtfertigen ihre Ablehnung von Flüchtlingen gerne, indem sie die Millionen von Menschen auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Armut im Mittleren Osten und Afrika mit Wirtschaftsmigranten und religiösen Fanatikern, die mit der kulturellen Identität Polens unvereinbar wären, gleichsetzen. Immer wieder werden von Muslimen verübte Gewalttaten als Argument dafür angeführt, warum Polen keine Menschen aus diesen Ländern aufnehmen sollte, egal ob die Täter nun Flüchtlinge waren oder nicht.

Anfang des Sommers meinte Błaszczak, dass sich Polen in einen „Brutkasten für Terroristen“ verwandeln könnte, wenn auch nur ein einziger Flüchtling ins Land gelassen werden würde. Er führte aus, dass Polen deshalb die „christliche Zivilisation“ des Kontinents vor den „islamischen Kämpfern, die drohen uns zu töten“ zu verteidigen hätte.

Die Anti-Flüchtlings-Rhetorik die von Błaszczak, Szydło und anderen verbreitet wird, scheint zu funktionieren. Laut dem öffentlichen Meinungsforschungsinstitut CBOS meinten vor zwei Jahren noch 74% aller befragten Polen, dass das Land zumindest übergangsweise Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten und aus Afrika aufnehmen sollte. Eine Umfrage, die zu Beginn des Jahres durchgeführt wurde, zeigt, dass mittlerweile 75% dagegen sind.

In Anbetracht eines immer niveauloser werdenden politischen Diskurses und einer gespaltenen Gesellschaft ist es nicht besonders schwierig, Parallelen zu Polens nicht ganz so fernen Vergangenheit zu ziehen. Der Nachhall dieser Zeit hat auch heute noch Einfluss auf das Land.

In den Zwanziger und Dreißiger Jahren versuchte das gerade erst unabhängig gewordene Polen, seine nationale Identität zu festigen, indem es gegen eine religiöse und ethnische Minderheit Stimmung machte. Die drei Millionen im Land lebenden Juden wurden an den Rand der Gesellschaft gedrängt und vom politischen und wirtschaftlichen Leben ausgeschlossen.

Tageszeitungen und Zeitschriften gingen über vor Karikaturen von jüdischen „Schlitzohren“. Unter der Schirmherrschaft der zweitgrößten Partei begann die katholische Kirche mit der Verteilung von Flugblättern, die vor einem jüdischen Weltunterwerfungsplan warnten. Prominente Politiker des rechten Spektrums riefen offen – und ohne dabei auf Widerspruch zu stoßen – zur Abschiebung aller Juden auf. In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg brach eine Welle von Pogromen und Demonstrationen gegen Juden über das Land herein.

Als Nazideutschland 1939 in Polen einmarschierte, forderte dieser Diskurs des Hasses und der Vorurteile seinen Tribut. Und als Juden in Ghettos gepfercht und wie Vieh in Zügen zu Konzentrationslagern abtransportiert wurden, schauten die meisten Polen weg. In einem seiner bekanntesten Gedichte beschreibt Nobelpreisträger Czesław Miłosz, wie Menschen Karussell fahren während das Warschauer Ghetto unweit in Flammen steht.

Vor diesem Hintergrund versuchten eine Handvoll Polen, ihre jüdischen Mitbürger vor dem sicheren Tod zu retten. Vielen ist im Westen der Name Irena Sendler bekannt, sie brachte 2500 jüdische Kinder heimlich in Sicherheit. Auch Jan Karski, der den Verbündeten im Westen als erster vom Holocaust berichtete, ist vielen ein Begriff. Aber es gab auch andere, die nie eine Waffe in der Hand gehalten haben oder in den Kampf gezogen sind, Menschen, die nie davon geträumt hätten, zu Helden zu werden.

Zwischen 1942 und 1944 versteckten Leszek Klewicki und seine Mutter Stanisława sieben Juden auf dem Dachboden ihres Hauses in Radość, einem Vorort von Warschau. Jahre später erinnerte sich Klewicki daran, dass es die größte Herausforderung war, die Juden „beisammen und fern von den Fenstern“ zu halten. Eines Tages durchforstete ein deutscher Suchtrupp die Nachbarschaft. Die beherbergten Juden wollten sich im Wald verstecken, um die Inhaftierung oder Erschießung der Klewickis zu verhindern. Stanisława versperrte ihnen den Weg. „Sie sagte, dass was auch immer ihr Schicksal sei, unser Schicksal wäre“, erinnerte sich ihr Sohn.

Als die Stadt 1944 von der sowjetischen Armee befreit wurde, waren die sieben Juden noch am Leben. Sie würden jahrelang mit den Klewickis in Kontakt bleiben. Leszek Klewicki starb dieses Jahr in Warschau, seine Mutter bereits 1963.

1993 erhielten beide den Ehrentitel Gerechte unter den Völkern, welcher von der Yad Vashem Holocaustgedenkstätte in Israel an Menschen verliehen wird, die unter Einsatz ihres Lebens Juden im Zweiten Weltkrieg gerettet haben. Mit seinen 6620 Ausgezeichneten – zusätzlich zu den tausenden, deren Leistungen noch nicht anerkannt wurde – hat Polen mehr Gerechte als jedes andere Land der Welt.

Wenn ich heute höre, wie Politiker all die Gründe aufzählen, warum Polen keinen einzigen der tausenden Flüchtlinge auf Europas Türschwelle aufnehmen wird, dann denke ich an Klewicki und seine Mutter und an all die anderen.

Vor 75 Jahren reichten diese wenigen Polen den vom Rest der Gesellschaft Verurteilten die Hand und taten dies trotz des hasserfüllten Diskurses der politischen Eliten und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Gleichgültigkeit. Es ist an der Zeit, dass wir dasselbe tun.

Translated by Elisabeth Reisenauer

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