Schweden nach dem Terror in Stockholm: Bullerbü war gestern

21. Mai 2017
VoxEurop

Die Botschaft der BRD in Stockholm nach dem Bombenanschlag der RAF im April 1975.
Die Botschaft der BRD in Stockholm nach dem Bombenanschlag der RAF im April 1975.

Kommentatoren aus der ganzen Welt erklären uns zurzeit, dass Schweden seine Unschuld verloren hat, und dass die offene Gesellschaft und der Frieden im Land jetzt der Vergangenheit angehören. Ist das wahr?

Am Freitag, den 7. April, pflügte ein gestohlener LKW durch die Menschenmenge auf der Drottninggatan in Stockholm, einer der beliebtesten Einkaufsstraßen der schwedischen Hauptstadt. Vier Menschen wurden dabei getötet, viele weitere verletzt. Die Bilder, die jetzt auf der ganzen Welt ausgestrahlt werden, erinnern uns daran, was sich auf der Promenade des Anglais in Nizza, auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidtplatz in Berlin oder vor kurzem erst auf der Westminster Bridge in London ereignet hat. Was in Stockholm geschehen ist, scheint nur ein weiteres unmenschliches Beispiel für den neuen Low-Tech-Terrorismus zu sein, durch den vereinzelte, aber aus der Ferne kontrollierte Täter gewöhnliche Fahrzeuge zu tödlichen Waffen umfunktionieren.

Das ist entsetzlich. Wenn nun aber eingeflogene Korrespondenten davon sprechen, wie unbegreiflich es sei, dass der Anschlag ausgerechnet hier verübt wurde – in Schweden, einem Land, das als so offen und kosmopolitisch gilt –, dann zeigt das lediglich, wie kurz das Gedächtnis vieler Journalisten ist.

In Wahrheit nämlich hat Schweden eine lange Geschichte im Umgang mit Terrorismus und politischer Gewalt.

Das schwedische Parlament verabschiedete das erste „Terrorismus-Gesetz“ bereits 1973. Zwei Jahre zuvor hatten kroatische Anhänger der faschistischen Nachkriegsbewegung Ustascha die jugoslawische Botschaft in Stockholm gestürmt, den Botschafter ermordet und seine Sekretärin verletzt. Bei einer Flugzeugentführung am Malmöer Flughafen Bulltofta im darauf folgenden Jahr verlangten weitere Ustascha-Sympathisanten die Freilassung der Täter. Die Ereignisse veranlassten eine parlamentarische Kommission dazu, neue Gesetze auf den Weg zu bringen.

1975 stürmte das „Kommando Holger Meins“, eine Gruppierung der Rote Armee Fraktion, die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Stockholm, um die Freilassung einer Reihe von in Westdeutschland inhaftierten RAF-Mitgliedern zu erpressen, darunter Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Ehe sie zwei Bomben zündeten, ermordeten die Terroristen zwei deutsche Diplomaten.

1986 wurde der schwedische Premierminister Olof Palme erschossen – in der Stockholmer Innenstadt, als er vom Kino Grand auf der Sveavägen-Straße nachts nach Hause spazierte. 2003 fiel Palmes sozialdemokratische Erbin Anna Lindh einem Anschlag zum Opfer: in einem Kaufhaus, das sich nur ein paar Straßen entfernt vom Schauplatz des jüngsten Angriffs befindet.

In den frühen Neunzigern verübte der rechtsradikale Terrorist John Ausonius zehn Anschläge und erschoss dabei elf Menschen, die in Stockholm lebten. Sie alle hatten einen Migrationshintergrund. Einer starb, zehn erlitten schwere Verletzungen und überlebten. In den Medien als „Lasermann“ bekannt, inspirierte Ausonius weitere Terroristen, darunter Peter Mangs, der 2009 und 2010 in Malmö zahlreiche Anschläge auf Menschen mit dunkler Hautfarbe verübte. Anders Behring Breivik pries ihn nach seinen Angriffen in Oslo und auf Utøya, bei denen er 77 Menschen das Leben nahm, als Helden.

Und 2010 explodierten dann zwei Bomben auf der Drottninggatan. Sie wurden von Taimour Abdulwahab gezündet, einem im Irak geborenen schwedischen Staatsbürger. Er gilt als der erste Selbstmordattentäter Skandinaviens. Diesmal allerdings bewahrten Zufälle – und die schiere Unbeholfenheit des Attentäters – Stockholm vor einer großen Tragödie. Es gelang Abdulwahab lediglich, sich selbst umzubringen.

Auch die ungebrochene Beliebtheit schwedischer Krimis – von Henning Mankells Wallander bis hin zu Stieg Larssons Millennium-Trilogie – hat es nicht vermocht, am Image Schwedens als ein friedliches, in gewisser Weise naives und gänzlich unschuldiges Land zu rütteln. Es scheint als bräuchten Europa und die Welt dieses Musterbeispiel – eine Rolle, die die Skandinavier seit den goldenen Jahrzehnten des schwedischen Modells in den 1950ern und 1960ern durchgängig spielen.

Aber wie häufig kann man seine Unschuld verlieren und trotzdem als Jungfrau gelten? Die Reaktionen auf den jüngsten Angriff zeigen, dass Schweden auf offizieller Ebene seine Lektion gelernt hat. Man weiß sehr wohl, dass man ein Land wie jedes andere ist, weit abseits eines wohlbehüteten Idylls wie Bullerbü.

Es ist gerade einmal drei Wochen her, dass der schwedische Nachrichtendienst SÄPO einen Bericht veröffentlichte, in dem die Wahrscheinlichkeit eines Anschlags wie dem in Stockholm als besonders hoch eingestuft wurde. Und tatsächlich hat sich die Polizei auf exakt solche Szenarien vorbereitet. Vor diesem Hintergrund war niemand ernsthaft überrascht, als sich der Anschlag ereignete. Die im Vorfeld entwickelten Pläne wurden methodisch umgesetzt, so dass weite Gebiete der Innenstadt Stockholms abgeriegelt werden konnten.

Gleichzeitig verbreitete sich der Hashtag #OpenStockholm über die sozialen Medien, über die die Schweden so gern kommunizieren. Gewöhnliche Stockholmer öffneten ihre Wohnungen und Häuser für diejenigen, die nicht nach Hause kamen, während Züge und U-Bahnen still standen: sie boten ein Ladegerät fürs Smartphone, einen Platz am Esstisch zum Abendbrot, ein Sofa für eine Nacht.

Diese Offenheit hat die Menschen in Stockholm mit Stolz erfüllt – zu Recht. Sie spiegelt eine Haltung, die keineswegs als naiv verstanden werden sollte, im Gegenteil: sie ist Teil einer ganz und gar pragmatischen Sicht auf die Welt. Die Terroristen wollen die größtmögliche Polarisierung erreichen: sie wollen Gesellschaften spalten und die Menschen dazu zwingen, Position zu beziehen in einem Krieg, der ihnen keinen Raum mehr lässt, sondern nur dem Krieg selbst. Es sind diese Zwischenräume, die die Terroristen ausmerzen wollen.

In diesem Augenblick, ein, zwei Atemzüge nach dem Anschlag, das: eine ungebrochene Bereitschaft zu helfen, und eine grundlegende Offenheit gegenüber dem Anderen, dem Fremden. Das ist ein Akt des Widerstands.

Trotzdem wäre es naiv zu glauben, dass eine so grauenvolle Gewalttat wie der Angriff im vergangenen Monat spurlos an Politik und Gesellschaft vorbeizieht. Denn Populisten jeglicher Couleur wissen die Bilder von Terror und Angst für sich zu nutzen.

„Endlich“, twitterte Alexandra Brunell, Sekretärin von Jimmie Åkesson, 2010 nach dem letzten Anschlagsversuch auf der Drottninggatan. Åkesson ist der Kopf der fremdenfeindlichen Schwedendemokraten, die 49 Sitze im schwedischen Parlament erhalten haben – 14 Prozent der Stimmen. Seiner Sekretärin zufolge war ein Selbstmordattentäter auf den Straßen Stockholms vor allem eines: eine politisch willkommene Gelegenheit. Auch wenn der Tweet als schändlich verurteilt wurde, gibt es weiterhin Menschen, die aus diesem Angriff Kapital schlagen wollen.

Bislang haben sich führende Politiker zurückgehalten, das Attentat politisch zu vereinnahmen. Wie lange wird es dabei bleiben? Ähnlich wie dem Täter von Berlin, Anis Amri – ein Tunesier, der in Deutschland Asyl beantragt hatte – drohte auch dem mutmaßlichen Täter von Stockholm, dem Usbeken Rakhmat Akilov, die Abschiebung. Den Antrag für eine Aufenthaltserlaubnis stellte er am 10. November 2014, abgelehnt wurde dieser am 15. Juni 2016, woraufhin Akilov untertauchte. Die Diskussion über eine effiziente Abschiebepraxis hat gerade erst begonnen.

Im kommenden Herbst werden die Schweden ihr nächstes Parlament wählen, aber schon jetzt ist der Einfluss der Schwedendemokraten auf die Politik deutlich spürbar – ähnlich wie der Einfluss verwandter Parteien in anderen Ländern. Die übrigen Parteien neigen dazu, Teile ihres Programms zu übernehmen, in der Hoffnung, einige ihrer ehemaligen Wähler zurückzugewinnen. Vor nicht allzu langer Zeit hat Schweden mehr Flüchtlinge aufgenommen als jedes andere EU-Mitgliedsland – mit Abstand. Heute dagegen zählen Schwedens Asyl- und Einwanderungsgesetze zu den schärfsten in ganz Europa. Verabschiedet wurden sie von einer rot-grünen Regierung.

Wird der Angriff auf der Drottninggatan in Stockholm Schweden verändern? Ja, wahrscheinlich. Aber nicht so stark wie viele zu glauben scheinen. Denn die Verschiebung, die sie im Sinn haben, hat schon längst stattgefunden.

Wird sich das Image Schwedens verändern? Vielleicht. Es wäre allerhöchste Zeit.

Aus dem Englischen von Lyam Bittar und Heike Kurtz.

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