Schuldenkrise: Befreit Griechenland von seinen Eliten

4. Oktober 2011
De Volkskrant Amsterdam

Die Nothilfen an Griechenland sind keine langfristige Lösung, meint der Ökonom Rens can Tilburg. Zunächst muss die Macht der Eliten im Staat gebrochen werden. Ihre Privilegien haben überlebt und verhindern eine gerechte Verteilung der Lasten.

Die Staats- und Regierungschefs bereiten die x-te “definitive” Antwort auf die Euro-Krise vor. Nach den Banken sprechen sich nun auch die Chinesen und Amerikaner, deren Währungen nicht betroffen sind, für eine Erweiterung des Euro-Rettungsfonds EFSF aus.

Sicher, niemand will einen Staatsbankrott Griechenlands in Kauf nehmen. Bleibt dennoch die Frage, ob der dazu von den europäischen Staats- und Regierungschefs gewählte Weg nicht vielleicht doch das größere Übel ist. Denn niemand spricht vom eigentlichen Problem Griechenlands und noch weniger von dessen Lösung.

Das Problem ist, dass in der griechischen Gesellschaft nicht Talent und Engagement zählt, sondern Herkunft und Beziehungen. Nun ist zwar keine Gesellschaft völlig leistungsorientiert oder im Gegenteil eine komplette Vetternwirtschaft. Doch die Niederlande sind weitgehend leistungsorientiert und Griechenland hauptsächlich eine Vetternwirtschaft. Macht und Eigentum sind dort so stark konzentriert, dass die herrschende Elite es immer wieder schafft, ihre Positionen weiter zu konsolidieren. 

Politik schließt vor den eigentlichen Problemen die Augen


Solange die Vetternwirtschaft nicht zurückgedrängt wird, wird die griechische Volkswirtschaft niemals in der Lage sein, ihre Schulden zu begleichen, ganz egal, wie hoch sie auch sein mag. Selbst bei einem kompletten Schuldenschnitt wäre das Land gezwungen, am Tag darauf neue Schulden aufzunehmen.

Und raten Sie mal, wer für die nächste Rettungsaktion der Banken oder Griechenlands zahlen wird? Über eine Erhöhung des Euro-Rettungsfonds schwache Volkswirtschaften zu stützen, macht künftige Probleme nur größer, nicht kleiner. Die Politik lässt sich von denselben Gefühlen leiten, die es damals Griechenland ermöglichten, der Eurozone beizutreten, obwohl das Land dafür nicht die Kriterien erfüllte.

Griechenland aus der Eurozone “aussteigen zu lassen”, würde uns eine kommende Schuldenlast abnehmen. Das bedeutet allerdings auch, dass wir die griechische Mittelschicht beim Kampf ums eigene Land sich selbst überlassen. Dabei sollten wir uns um das Wohl der griechischen Bürger sorgen, die das Hauptopfer des im Land herrschenden administrativen Chaos sind.

Mehr Euros würden den sozialen Umbruch aufschieben

Die griechische Mittelschicht ist bereit, Steuern zu zahlen, so wie in jedem anderen europäischen Land auch. Doch der Durchschnittsgrieche hat dazu keine Lust, weil er weiß, dass ein riesiger Teil dieser Summen in den Taschen von Familien und Freunden der herrschenden Klasse verschwindet. Die Euros, die in der Vergangenheit nach Griechenland geflossen sind, haben die griechische Bevölkerung ruhig gehalten: Jeder bekam irgendwie seinen kleinen Anteil, und die wirklich ehrgeizigen jungen Menschen sind klammheimlich ausgewandert. Nun wächst der Druck. Noch mehr Euros zahlen wird den nötigen sozialen Kampf nur hinausschieben.


Besser ist es, sich an die Seite des griechischen Volks zu stellen. Das ist bisher nicht geschehen: Die Eliten haben sich selbst verschont und die gesamte Bürde auf das wohlmeinende griechische Volk abgewälzt. Möglich wurde dies, weil sich die Troika aus EU, EZB und IWF nicht zu sehr in die Entscheidungen einmischen wollte. Das Versprechen, die Last ehrlich zu verteilen, ist eine Worthülse geblieben.


Die Zurückhaltung der Troika muss aufhören. Ist es denn nicht eine schöne europäische Idee, die Demokratie ins Ursprungsland eben selbiger zurückzubringen? Dies bedeutet eine deutlich größere Übertragung der griechischen Souveränität, als derzeit erörtert wird. Tun wir das nicht, dann wird niemals dort gespart werden, wo gespart werden muss: bei den Einkommen und Privilegien der Elite, die derzeit am Ruder ist. Solange die Macht der griechischen Eliten nicht gebrochen wird, kann es keine Lösung geben. Leider fehlte dieser Vorschlag aber grundsätzlich in allen Paketen, die im Eiltempo geschnürt worden sind.

Athen ist nicht Bagdad, aber wir sollten die Schwierigkeiten, eine gut funktionierende Demokratie einzuführen, nicht kleinreden. Es handelt sich hier nämlich um ein notwendiges Element zur Lösung der griechischen Tragödie. Entgegen der Theatertradition ist ein Happy End durchaus noch möglich. Dazu braucht es aber noch viel mehr “Entschlossenheit Europas” und “vereinte Kräfte”. Und vor allem eines: Realitätssinn. (js)

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