Armut: Spanien sitzt auf der Straße

2. Dezember 2011
El Mundo Madrid

Demonstration “Hausloser” in Barcelona.
Demonstration “Hausloser” in Barcelona.

Tausende spanische Familien müssen ihre Wohnungen verlassen, weil sie Opfer der Arbeitslosigkeit, der Immobilienblase und zu lockerer Bankkredite geworden sind. Die Krise zeigt, wie reformbedürftig das Kreditssystem ist.

Es sind keine Bettler oder Drogenabhängige und auch keine illegalen Einwanderer. In Spanien steigt die Anzahl der “Obdachlosen” immer mehr. Sie haben ihre Arbeit, ihre Wohnung, ihre Möbel, ihre Illusionen und ihre Hoffnung verloren und sind bis an ihr Lebensende verschuldet.

Paradoxerweise ist es nicht das Schlimmste, keine Wohnung mehr zu haben, sondern was danach kommt. “Für den Rest meines Lebens darf ich kein Gut auf meinen Namen besitzen”, klagt Elena Parronda. Ihr Mann steht ihr zur Seite in ihrer Wohnung im Madrider Vorort Meco, die sie gerade verlieren. “Ich darf kein Gehalt mehr beziehen, keinen Telefonvertrag mehr abschließen und weder ein Auto kaufen noch Miete zahlen”. Das einzige Verbrechen, das dieses Ehepaar der Mittelklasse begangen hat, ist arbeitslos geworden zu sein. Frau Parrondas Mann hatte ein gutes Gehalt im Bauwesen; im November 2010 wurde ihm aber gekündigt. Eines Tages konnte die 42-jährige Frau ihren vier Kindern nichts mehr zu essen geben. Daher fasste sie eine schwere Entscheidung und beschloss, den Immobilienkredit nicht mehr zurück zu zahlen.

Kein Geld für Brot

“Am 11. Februar hatte ich nicht einmal mehr genug Geld, um Brot zu kaufen. Mit den 1000 Euro Arbeitslosengeld konnten wir die 680 Euro monatlich nicht mehr aufbringen, um die Wohnung abzubezahlen. Nachdem wir das Für und Wider ausführlich abgewägt hatten, stellten wir die Tilgung ein”, erklärt Elena selbstsicher. Seitdem leben Elena und ihr Mann mit der Bedrohung der Zwangsräumung.

“Mit zwei minderjährigen Kindern auf der Straße zu sitzen ist kein Zuckerschlecken,” fährt sie fort. “Wir zahlen den Kredit nicht aus einer Laune heraus nicht zurück, sondern weil uns die finanziellen Mittel dazu fehlen. Die Banken sollten sich die Situation der Familien bewusster machen. Die haben jetzt tausende von leeren Wohnungen am Hals”.

Die Plattform der Opfer der Immobilienkredite (PAH) bemängelt ein System, das tausende von Familien an den Rand und in die soziale Ausgrenzung drängt. “Die Banken haben waghalsig und riskant gewirtschaftet”, bestätigt der Rechtsberater der PAH Rafael Mayoral. “Sie haben die Wohnungen überbewertet, was den Schuldner hat glauben lassen, dass der Wert seines Besitzes das Darlehen deckt”.

Am Ende höhere Schulden und kein Haus

Wenn man aufhört, seine Raten zu zahlen, wird die Wohnung nach der auf der Besitzurkunde verzeichneten Wertschätzung zwangsversteigert. In den meisten Fällen findet sich bei den Versteigerungen kein Käufer, weil der Preis nicht unter 70 Prozent des Hypothekenwertes der ersten Zuerkennung fallen darf. Wenn sich die Bank die Wohnung zuschlägt, dann darf er nicht unter 60 Prozent fallen. Die Finanzstelle behält dann das Gut und ist dazu verpflichtet, die Tilgung des Immobilienkredits zu garantieren. Häufig sind die Schulden des Kreditnehmers am Ende höher als seine Anfangschulden, obwohl er schon nicht mehr Besitzer der Wohnung ist.

“Die Forderungen, den Kredit zurückzuzahlen, hören für den Kreditnehmer und seine Bürgen nie auf, das geht bis ans Ende ihrer Tage”, entrüstet sich Mayoral. “Diese mutmaßliche Bonität des spanischen Finanzsystems stützt sich auf die Knechtschaft des Schuldners gegenüber des Finanzorganismus’, denn in Spanien kann man seine derzeitigen und zukünftigen Güter verpfänden”. Auch die Banken sind mit dieser Situation nicht zufrieden, denn ihre Tätigkeit besteht nicht darin, die Immobilien zu halten.

Lino Samuel Moreno hat die Versteigerung seiner Wohnung schmerzlich miterlebt. Sein Besitz löste sich in Rauch auf, genau so wie sein Traum von einem Leben in Spanien, im “europäischen Eldorado”. Er kam um das Jahr 2002 aus seinem Heimatland Kongo nach Spanien. 2006 waren alle seine Papiere amtlich in Ordnung und er wagte den großen Sprung, sich eine Wohnung im Madrider Vorort Valdemoro zu kaufen.

Hart an der Grenze zum Betrug

Alles lief wie am Schnürchen bis zu jenem Tag im Jahr 2008, als er plötzlich arbeitslos da stand. Seitdem hat er es nicht mehr geschafft, länger als vier Monate am Stück Arbeit zu finden. Zunächst hat er nur eine Rate nicht bezahlt, dann die nächste, und schließlich die dritte… Er hat versucht, die Schuldenfrist erneut auszuhandeln, doch am 7. Oktober dieses Jahres kam der so gefürchtete Pfändungsbescheid mit der Aufforderung, die Wohnung zu verlassen.

“Um 10 Uhr morgens stand die Polizei vor der Tür und bat uns, zu gehen,” erzählt Lino mit zitternder Stimme. “Meine Frau nahm mich in den Arm. Genau in diesem Moment rief das Tribunal an, um uns zu sagen, dass uns eine Frist von drei Monaten gewährt wurde, doch dass unsere Möbel beschlagnahmt würden”. Heute mietet das Ehepaar dank mit Hilfe der Stadt eine Wohnung in Valdemoro für 450 Euro monatlich.

Ähnliche Fälle wie diesen gibt es wie Sand am Meer. Der PAH zufolge befinden wir uns heute in einer Situation der völligen Straffreiheit. Daher fordert sie, dass man die Unterzeichnungsmethoden der Immobilienkredite überprüft. Diese seien nämlich häufig hart an der Grenze zum Betrug. “Die Immobilienkredite haben als Hebel einer künstlichen Anhebung des Preises von Grundgütern wie Erstwohnungen gedient. Dafür gibt es Verantwortliche,” versichert Rafael Mayoral. “Man muss die Opfer entschädigen, nicht die Verantwortlichen. Wir fordern eine Änderung der Kreditgesetzgebung, die dahin geht, dass man ein Gut abtreten kann, um dessen Kredit zurückzukaufen. So wäre die Schuldenlast ein für allemal getilgt”. (sd)

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