1989-2009: Berlin, wo Boheme glücklich ist

9. November 2009
Les Inrockuptibles Paris

Gallerie in der Markgrafenstraße, Berlin. Foto: Aguno/Flickr
Gallerie in der Markgrafenstraße, Berlin. Foto: Aguno/Flickr

Seit dem Mauerfall 1989 sprengt Berlin alle Grenzen. Kunst, Musik und neue Strömungen verwirklichen sich auf den Trümmern der Vergangenheit. Eine kleine Rundfahrt durch die freieste Stadt Europas.

Samstag, es ist 22: 30 Uhr und der Abend beginnt. Das Taxi hält an und die Vordertür öffnet sich. In Berlin setzt man sich nach vorne, auf den Beifahrersitz. Der Fahrer heißt Anthony Appiah, er ist 47 Jahre alt und in Ghana geboren. Seitdem er 20 ist, wohnt er in Berlin. "Ich bin nach West-Berlin gekommen, um Wirtschaft zu studieren. Danach hatte ich Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden, daher bin ich aufs Taxifahren umgestiegen. Heute bin ich hier zu Hause, ich bin ein Berliner", erklärt er, während sein Auto schnell die Torstraße hinunterfährt, eine Straße im ehemaligen Osten, in der heute eine Kunstgalerie neben der anderen steht, die verschiedene Arten von Kunst anbieten.

Schönhauser Allee vor dem White Trash, einem der abgefahrendsten Orte der Stadt. Mehrere Epochen und soziale Schichten von Berlin überlagern sich in seinen Räumlichkeiten: In Paris oder London hätte man alles völlig neu gestaltet. "Willkommen in Berlin", ruft uns der Besitzer Walter "Wally" Potts vergnügt zu. "Diese Stadt ist der letzte Ort in Europa, an dem man noch feiern kann. Jeden Samstag sehe ich Leute von überall herkommen, einige nehmen sich nicht einmal ein Hotel, sondern verbringen die ganze Nacht in den Bars und den Klubs der Stadt und fahren dann, ohne geschlafen zu haben, wieder nach Hause", amüsiert sich Wally. Berlin hat diesen Expresstouristen einen Spitznamen gegeben: die "Easyjeter". Der Name bezieht sich natürlich auf die Fluggesellschaft, die die Verbindung zu diesem neuen europäischen Traum der Nacht sicherstellt.

Am Existenzminimum durchs Leben schrammen

Sonntag Mittag. Die Stadt bewegt sich in Zeitlupe. Im Grünen Viertel Treptow gibt es unweit des riesigen Konzertsaales, der Arena, einen ständigen Flohmarkt. Hier findet man alles: Preistafeln für Fast-Food, Fernbedienungen aus allen möglichen Jahren, Lederjacken, Elektrogeräte, Gummistiefel, eine Ausgabe der Zeitschrift Max von 1992 mit einer frech angehauchten Nena auf der Titelseite, der Sängerin von 99 Luftballons.

Die Preise sind lächerlich, trotzdem wird gefeilscht. Die Stimmung ist alles andere als yuppiemäßig: In Berlin leben viele Leute mit limitiertem Budget. Die Stadt ist eine der ärmsten in Deutschland mit einer Arbeitslosenrate von 17 Prozent, die zu Krisenzeiten bis an die 20 Prozent reicht. In Berlin gibt es kein Finanzviertel und keine Hauptsitze von multinationalen Unternehmen. Einzig die Staatsmacht hat sich nach der Wiedervereinigung in der Stadt niedergelassen.

Berlin ist eine gefährliche Stadt

"Keines der großen deutschen Unternehmen hat seinen Sitz in Berlin, das keine Industriestadt ist. Aber die Berliner haben vom Osten gelernt, wie man sich durchschlägt und nehmen die Dinge gelassen hin. Die Bereitwilligkeit, sich untereinander zu helfen, die früher in Ostberlin herrschte, hat sich auf die Gesinnung von heute übertragen", erklärt Yannick Pasquet, Journalist bei Agence France Presse, der seit zehn Jahren in Berlin wohnt und dessen Buch über Deutschland nach der Wiedervereinigung Le Mur dans les têtes ("Die Mauer in den Köpfen") vor Kurzem veröffentlicht wurde.

In zwanzig Jahren und nachdem es die Schmähungen des letzten Jahrhunderts ertragen hat, hat sich Berlin zu einer angemessenen Hauptstadt des nächsten Jahrhunderts gemausert. Weit entfernt vom Londoner, New Yorker und Pariser Glitter bemüht sich die deutsche Hauptstadt seit den 80er Jahren darum, eine lebensfreundliche Stadt zu sein. Berlin, das sind Freizeitangebote, die nichts kosten, die aber auch nichts einbringen außer der Freude daran, Zeit mit anderen Leuten zu verbringen. Hier werden auch Freundschaftsdienste ausgetauscht. Die DJs, die in einigen Bars auflegen und die Künstler, die das Design der Bars ausgestalten, werden häufig nicht für ihre Arbeit bezahlt; im Gegenzug trinken sie auf Kosten des Hauses in der entsprechenden Bar.

Florian Püehs ist 23 Jahre alt, Sänger der Gruppe "Herpes" und fängt an, in Berlin Erfolg zu haben. Er ist der gleichen Meinung: "Berlin ist die einzige Stadt in Deutschland, in der ich ordentlich leben kann, während ich an meiner Musik arbeite. Heute kommen die jungen Musiker nicht mehr nach Berlin, weil David Bowie oder Lou Reed hier gelebt haben. Sie kommen, weil die Mieten niedrig sind und man Orte findet, in denen man für wenig Geld proben kann. Das gleiche gilt für Maler und Schriftsteller; Berlin ist für die Kunst wie geschaffen. Ich habe einige Monate in Paris gelebt: es war unmöglich, dort zu bleiben, das Leben ist viel zu teuer. Berlin hat aber auch seine Schattenseiten. Ich kenne viele Leute, die hier hergezogen sind, um künstlerisch tätig zu sein und die am Ende nichts geschafft haben. In Berlin kann man ohne Ziel leben, was ein zweischneidiges Schwert ist. Man muss diese Stadt auch verlassen können."

Kibbutz Version 3.0

Im Industrieviertel Tempelhof hat sich das Projekt Palomar 5 in einer ehemaligen Bierfabrik niedergelassen. Palomar 5 sind dreißig junge Kreative aus der ganzen Welt, die über Twitter, Facebook und Skype rekrutiert wurden und sich in Berlin zusammenfinden, um die Arbeitswelt von Morgen neu zu ersinnen. Am Projekt nehmen mehrere Nationalitäten teil (Franzosen, Inder, Briten, Amerikaner, Russen, usw.) mit so verschiedenartigen Profilen wie Schriftsteller, Journalisten, Hacker, Akademiker, Filmemacher, Werbeleute...

Matthias Holzmann, 23 Jahre alt, ist einer der Projektgründer. Mit fünf gleichaltrigen Sinneskollegen hat Holzmann die Deutsche Telekom davon überzeugt, dieses verrückte Projekt sechs Wochen lang zu finanzieren. Sie leben in dem weitläufigen Gebäude wie in einer WG zusammen, den Laptop unter den Arm geklemmt, und versuchen, die Arbeitsweisen des 21. Jahrhunderts auszuklügeln. Alle schlafen in Einzel-Miniboxen und bewegen sich in einem Raum von über 600 Quadratmetern, der einem Film von Stanley Kubrick entsprungen sein könnte.

Palomar 5 ist der Kibbutz 3.0 nach Berliner Art. Kleine Genies aus der ganzen Welt brüten über den Arbeitsverhältnissen der Zukunft – in einem Raum, wie ihn nur die deutsche Hauptstadt zu bieten hat. "Wir wissen noch nicht, was für ein Ergebnis dabei herauskommen und wie es genutzt werden wird. Berlin ist eine der wenigen Städte auf der Welt, in der man solch eine Art von Experiment durchführen kann", bestätigt Matthias, "Berlin bietet Platz, akzeptiert verschiedene Sichtweisen und begünstigt den Austausch mit anderen und die Vielfalt."

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