Italien: Krise tötet Kleinunternehmer

5. April 2012
Linkiesta Mailand

In Nordostitalien, einst Motor des Wirtschaftswunders der Neunziger, haben seit Jahresanfang rund fünfzig Handwerker und Firmenchefs den Freitod gewählt. Sie konnten sich dem krisenbedingten Wandel nicht anpassen und mussten zusehen, wie das Modell, das ihnen zu Wohlstand und Ansehen verholfen hatte, allmählich zusammenbricht.

Laura Tamiozzo sieht auf den Bildschirm eines Laptops. Ihre sanfte, aber entschlossene Stimme hallt im Gemeindesaal der Pfarre San Sebastiano im Schatten des Kirchturms von Vigonza in der Provinz Padua. An diesem 28. März hängt hinter ihr ein Plakat des Gewerkschaftsbunds des Baugewerbes Filca-Cisl Veneto, Veranstalter der öffentliche Versammlung, auf dem Grabsteine mit den Namen von 25 Unternehmen abgebildet sind, die den Betrieb einstellen mussten. „Liebe Flavia, es fällt mir nicht leicht, diesen Brief zu schreiben, aber das Unglück, das deine Familie getroffen hat, hat auch meine getroffen.”

Laura Tamiozzo liest ihren Brief vom 22. Januar an die zweiunddreißigjährige Flavia Schiavon vor, die neben ihr steht. Die Wirtschaftskrise hat ihre Väter hinweggerafft. Beide waren Bauunternehmer, beide haben Selbstmord begangen. Am 12. Dezember 2011 erschoss Giovanni Schiavon sich in seinem Büro. Der Fall erregte einiges Aufsehen, weil zu Giovanni Schiavons Schuldnern auch der Staat gehört, der mit 250.000 Euro im Rückstand war. Antonio Tamiozzo erhängte sich in der Silvesternacht in der Lagerhalle seiner Firma Costruzioni Tamiozzo, die mehr als 30 Mitarbeiter beschäftigte.

Gefangen im Netz ökonomischer Abhängigkeiten

Daniele Marini, Leiter der Fondazione Nordest [die von den regionalen Unternehmensverbänden und Handelskammern gegründet wurde], erklärt, man dürfe diese Unternehmer nicht über einen Leisten schlagen. Sie zeichnen sich jedoch durch einige gemeinsame Merkmale aus. Es handelt sich in erster Linie um Klein- bis Kleinstbetriebe, die meistens in gesättigten Märkten wie dem Bauwesen und dem Handwerk tätig sind.

Ferner geraten diese Firmen in Nordostitalien, wo das durchschnittliche Unternehmen mit 274 Zulieferern arbeitet und wo ein Produkt zu 80 Prozent von diesen Zulieferern gefertigt wird – die daher stark voneinander abhängen –, schnell in große Bedrängnis, sollten im Vor- und Nachfeld Probleme entstehen.

Den Daten des Verbands der Handwerker und Kleinbetriebe (Cgia) von Mestre zufolge haben seit Anfang der Krise mindestens fünfzig kleine Unternehmer und Handwerker sich in Venetien das Leben genommen. „Die Arbeitsteilung wird zur Lebensteilung”, meint der Schriftsteller Ferdinando Camon.

„Wenn das Unternehmen eine Krise durchmacht, leidet der Eigentümer übermäßig darunter, seine Mitarbeiter nicht mehr bezahlen und vor der Not retten zu können. Ein Großteil der Selbstmorde ist auch darauf zurückzuführen. Seinen Mitarbeitern kündigen zu müssen, den Betrieb zu schließen oder in Konkurs zu gehen gilt im arbeitsamen Nordostitalien als Schande und schmähliche Vernachlässigung der sozialen Verantwortung eines jeden Unternehmers.”

Selbstmord aus Rache am Staat

Es sei nicht auszuschließen, so Camon, dass manche Entscheidungen auch auf dem mehr oder minder unbewussten Wunsch beruhen, „den Schuldner, das heißt den Staat, als Mörder, als Verantwortlichen hinzustellen”. Die empörte Bevölkerung hat kein Vertrauen mehr in die Politik. Seit den Korruptionsskandalen und Schmiergeldaffären haben die venetischen Unternehmer verstanden, dass es sehr viel einfacher ist, ohne die „Bremse” der Institutionen zu wachsen.

Dass Misstrauen ist gegenseitig. „Nordostitalien ist für Rom ein mysteriöser, undurchsichtiger Dschungel. Und sollte der Staat doch etwas sehen, dann versteht er es nicht.” Gewiss ist, dass die venetischen Unternehmer sich allein, isoliert, verlassen und unverstanden vorkommen.

Die Versammlung in Vigonza schlug vor, einen Verein für die Familien der Opfer der Wirtschaftskrise zu gründen. Auch andere Gruppen versuchen zu helfen. Das „Life Auxilium” des Handwerksverbands von Asolo und Montebelluna bietet Unternehmern in Schwierigkeiten seit Ende Februar einen gebührenfreien Notruf (der im Durchschnitt einmal täglich in Anspruch genommen wird) und ein Beratungszentrum.

Versagen der gesellschaftlichen Infrastruktur

Sind die Selbstmorde also die makabre Folge eines „Modells”, dessen Möglichkeiten erschöpft sind? Nicht unbedingt. Nordostitalien als Antrieb der italienischen Wirtschaft, als heftige, spontane Explosion von Unternehmen, hat bereits Anfang der 2000er begonnen, an Fahrt zu verlieren. In diesen Jahren, wie in dem von Daniele Marini herausgegebenen Buch „Innovatori di confine. I percorsi del nuovo Nord Est” (2012) [Innovatoren an der Grenze. Die Pfade des neuen Nordostens] erklärt wird, „begann die Entwicklung des Nordostens, wie wir sie kennen, sich zu verlangsamen. […]: Der ursprüngliche Elan ist verpufft. Es war zu Ende.”

„Das große Reservoir an verfügbaren Arbeitskräften hat sich in eine schrumpfende, unter Personalmangel leidende Bevölkerung verwandelt; die Weitergabe der florierenden Familienbetriebe an die nächste Generation gestaltete sich schwierig; leere Landstriche verstädterten und wurden mit Infrastrukturen überzogen. Die Faktoren, die einst die Wirtschaft in Nordostitalien angetrieben hatten, waren endgültig an ihre Grenzen gestoßen”.

Stefano Zanatta, Vorsitzender des Handwerksverbands Asolo-Montebelluna, stimmt dieser Sichtweise zu: „Die Schwächen des Systems sind durch die Krise deutlicher zutage getreten. Wir haben ein sehr fragmentiertes Gefüge aus Klein- und Kleinstbetrieben. Das ging früher gut. Es führte zu Wohlstand und Vollbeschäftigung, aber heute, mit der nun schon seit vier Jahren anhaltenden Krise, sind wir nicht mehr in der Lage, ein System zu steuern, das uns entgleitet”.

Die von Movimprese bei den nordostitalienischen Handelskammern erhobenen Daten zu Unternehmensgründungen und -auflassungen im Zeitraum 2006-2010 zeigen einen negativen Saldo von 6023. Daniele Marini ist der Ansicht, Kleinbetriebe seien nicht unbedingt dazu verurteilt, zu schließen oder vom Markt verdrängt zu werden. Sie müssen allerdings einen technologischen Entwicklungssprung in Innovation, Fertigungsorganisation und Dienstleistungen machen und geschäftliche Beziehungen „zu größeren und international aktiven Unternehmen” knüpfen.

Verhängnissvolle Arbeitsethik

Trotz des tiefgreifenden Wandels in den letzten zwanzig Jahren sind die Nordostitaliener weiterhin sehr arbeitsame Menschen, die sich ungeachtet der Gesellschaftsschicht, der Generation oder der Gruppenzugehörigkeit mit ihrer Arbeit identifizieren (sowohl als Arbeitgeber als auch als Arbeitnehmer). Gleichzeitig ist Arbeit aber auch das Element, das ihnen heute am meisten Sorgen bereitet.

Bereits 1996 warnte der Soziologe Ilvo Diamanti: „Arbeit ist heute die neue Religion. […] Ich fürchte, wir werden nicht nur wirtschaftlichen Schwierigkeiten begegnen. Denn wenn die Arbeit alles ist, wenn die Zufriedenheit nur vom wirtschaftlichen Erfolg abhängt, dann sind die Folgen eines Konjunktureinbruchs nicht nur ökonomisch, sondern auch psychologisch.” „Kultur und Glück zählen nicht. Geld ist alles”, erklärt Ferdinando Camon. „Der verschuldete Kleinunternehmer steckt nicht nur in einer ökonomischen Krise, sondern in einer Gesamtkrise. In einer psychischen, moralischen und geistigen Krise. Deshalb begeht er Selbstmord. Wenn Geld der einzige Wert ist, und das Geld ausgeht, dann lohnt es sich nicht mehr zu leben. Geld ist ein allumfassender Wert.”

Aus dem Italienischen von Claudia Reinhardt

Factual or translation error? Tell us.