Irland: Die Vereinigung rechnet sich

Grün, weiß, gold... und grenzenlos. Montage: Presseurop, Image Makers
Grün, weiß, gold... und grenzenlos. Montage: Presseurop, Image Makers
12. März 2010 – The Guardian (London)

Nach 15 Jahren Friedensprozess scheint der Gedanke an ein vereinigtes Irland nicht mehr so abwegig wie früher. Sogar die Unionisten sollten sich diesem Standpunkt anschließen, findet Seumas Milne im Guardian.

Es leuchtet durchaus ein, dass die Sinn Féin bezüglich der irischen Einheit Gas geben will. Die neuesten Abkommen über die Dezentralisierung von Polizei und Justiz mit einer Verlegung von Westminster nach Belfast besiegeln einen 15-jährigen Prozess, durch welchen die republikanische Führung heute im Mittelpunkt der Machtstruktur in Nordirland steht. Er brachte dieser Struktur weitreichende Reformen, einen Truppenabzug sowie Fortschritte in Sachen Bürgerrechte und Gleichheit, die früher unvorstellbar waren.

Doch für viele Verfechter der Sinn Féin liegt das Hauptziel des irischen Republikanismus, nämlich das Ende der britischen Herrschaft im Norden und die Wiedervereinigung Irlands, ferner denn je. Das ist Wasser auf die Mühlen der regimefeindlichen, bewaffneten republikanischen Kampfbewegung, ganz gleich wie politisch unbedeutend sie voraussichtlich bleiben wird. Ein Vormann der Sinn Féin drückte es gegenüber der brechend vollen Londoner Konferenzüber die irische Einheit im Februar so aus: Das Karfreitagsabkommen "war ein Zugeständnis, keine Einigung" und "der eigentliche Grund für den Fortbestand des Konfliktes".

Wirtschaft – Argument für und gegen die Einigung

In der Zwischenzeit haben die Unionisten den Zusammenbruch der einst vielgepriesenen Wirtschaft des "keltischen Tigers" im Süden zum Anlass genommen, sich über die Aussichten jeglicher Schritte zugunsten der irischen Einheit lustig zu machen. Warum, so fragen sie, sollte sich der Norden jetzt mit dem klapsmühlenreifen Süden verbinden, oder der Süden die Leistungen des britischen Steuerzahlers für die Unterstützung des entindustrialisierten Nordens übernehmen wollen?

Der frühere City-Ökonom Michael Burke meint jedoch, die Argumente für die Wiedervereinigung und die Unabhängigkeit seien in Wirklichkeit heute stärker als je zuvor. Die Abhängigkeit von Großbritannien und die britische Lenkung wirkten sich verheerend auf die nordirische Wirtschaft aus. Der Lebensstandard zur Zeit der Teilung im Jahr 1921 war vergleichbar mit Großbritannien und viel höher als im Süden, doch heute liegt er weit unter dem britischen Durchschnitt und viel niedriger als im Süden. Sogar nach der Implosion des Spekulationsbooms der Republik lag das wöchentliche Durchschnittseinkommen im Süden Ende des Jahres immer noch bei 593 Euro, im Vergleich zu 398 Euro im Norden und 442 Euro in Großbritannien. Irland ist mehr als wohlhabend genug, um eine nationale Krankenkasse zu finanzieren, betonte Burke. Die irischen Politiker brauchten nur ihre Freunde dazu zu bringen, Steuern zu zahlen.

Alte Erzfeinde "Teil von uns"

Die Dysfunktionen der Wirtschaft aufgrund der Teilung und die demografische Tendenz zu einer nationalistischen Mehrheit im Norden waren bei der Londoner Versammlung natürlich wiederkehrende Themen. Doch das gleiche gilt für das Beharren der Sinn Féin darauf, wie notwendig die "Versöhnung von Orange und Grün" doch sei und dass man die Unionisten davon überzeugen müsse, dass die irische Einheit in ihrem eigenen wirtschaftlichen und sozialen Interesse liegt. Sogar nach mehr als zehn Jahren Friedensprozess war es verblüffend zu hören, wie die Sinn Féin beteuerte, dass der sektiererische Oranier-Orden, der die nordirischen Katholiken und Nationalisten seit Jahrzehnten drangsaliert, "Teil unseres Volkes als solches" ist.

Die irische Einheit wird in der globalen Wirtschaft des 21. Jahrhunderts zweifellos eine andere Bedeutung haben als eine Generation vorher, auf dem Höhepunkt der bewaffneten Auseinandersetzungen. Doch die bei der Konferenz in London bekundete Überzeugung einer unvermeidlichen irischen Wiedervereinigung ist bestimmt richtig. Die kritische Frage diesseits der Irischen See bleibt, ob die Briten diese Entwicklung unterstützen oder behindern werden.

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