Rechtsextreme in Europa / 2: Front national, Rassismus mit anderen Mitteln

23. März 2010
Libération Paris

Singender Rassismus. Die Chefs der FN Marine Le Pen, ihr Vater Jean-Marie und Bruno Gollnisch feiern den zweiten Durchgang der Regionalwahlen am 21. März 2010 (AFP)
Singender Rassismus. Die Chefs der FN Marine Le Pen, ihr Vater Jean-Marie und Bruno Gollnisch feiern den zweiten Durchgang der Regionalwahlen am 21. März 2010 (AFP)

Der rechtsextreme Front National von Jean-Marie Le Pen hat bei den Regionalwahlen in Frankreich vom 21. und 29. März in mehreren Regionen die 20- Prozent-Marke überschritten. Im ländlichen nordfranzösischen Département Pas-de-Calais errang seine Tochter Marine, die sich als die Verteidigerin der Landwirte gegenüber der EU-Landwirtschaftspolitik gab, sogar mehr als 22 Prozent der Wählerstimmen.

Im Rathaus von Lisbourg (Pas-de-Calais), sind die Wahlergebnisse an der Glastür ausgehängt. 509 Wahlberechtigte. Marine Le Pen auf Platz eins mit 37,05 Prozent der Stimmen. Valérie Létard von der Regierungspartei UMP ist mit 32,87 Prozent geschlagen. 13 Prozent hat sie verloren. So etwas gab es in dieser sattgrünen Hügellandschaft, dem Ternois, wo hauptsächlich Milch produziert wird, noch nie.

Hier wählt man UMP [konservative Regierungspartei von Nicolas Sarkozy], wie man zum Bauern wird. Von Vater auf Sohn. Der Stadtrat Willy Galet kann es nicht fassen. "So ein Ergebnis! 133 Stimmen!" Klar gab es "einen von uns", wie die Wirtin der Kneipe "Chez Mimi" es formuliert, der auf der Liste des Front National einen sicheren Listenplatz hatte. "Olivier Delbé war vorher UMP", seufzt Willy Galet. "Vor einem Monat haben wir aus der Zeitung erfahren, dass er auf der Liste des Front National antritt."

"Hier gibt’s keine Ausländer, keine Kriminalität. Meine Haustür ist immer offen"

In anderen Dörfern hat der Front National ähnliche Erfolge au verzeichnen. Beaumetz-lès-Aire, 39 Prozent, Fléchin, 32 Prozent. Willy Gallet sagt schließlich: "Die haben nicht für den Typen gestimmt, sondern ihrer Unzufriedenheit Luft gemacht." Olivier Delbé hat seine Kampagne nicht mit den traditionellen Themen des FN geführt: "Hier gibt’s keine Ausländer, keine Kriminalität. Meine Haustür ist immer offen", scherzt der Landwirt Bruno. Er empfängt uns an einem mit Wachstuch bedeckten, langen Bauerntisch. Ein kräftiger Kerl mit zusammengekniffenen, spöttischen Augen.

Nein, die Probleme sind andere. In der Region Ternois produziert man Milch, und die sinkenden Kurse haben vielen den Nacken gebrochen. Bruno führt seinen Hof allein, 50 Hektar. Seine Eltern helfen ihm. In einer Woche gibt er die Milchproduktion auf. Den EU-Normen gerecht zu werden, würde ihn zu stark verschulden. Er konzentriert sich jetzt lieber auf Fleischviehhaltung: Rinder und Hühner.

"Wir haben 'Nein' zur EU-Verfassung gesagt und man hat ein 'Ja' draus gemacht."

"Le Pen hat recht, wenn er behauptet, dass man zuerst Franzose und dann erst Europäer sein soll. Wir haben 'Nein' zur EU-Verfassung gesagt und man hat ein 'Ja' draus gemacht. Ist doch klar, dass wir unzufrieden sind", erzählt er. Er kritisiert Sarkozys Politik, "all jene, die sagen wir werden Hilfen bekommen, und dann kriegen wir Null-Prozent-Darlehen. Die Politiker sollen sich mal Gummistiefel anziehen und auf unseren Hof kommen, und nicht nur auf die Farm in der Glotze." Marine Le Pen ist gekommen. Pressekonferenz mit ihrem Lokalmatador. Vor der Stichwahl ist sie dann noch einmal gekommen, ihn zu unterstützen "Der Front National hat einen guten Wahlkampf gemacht", erkennt Willy Gallet an.

Djamel Mermat ist wissenschaflicher Mitarbeiter an der Universität Lille und FN Experte. 2008 hatte er sich in die Ortsgruppe des FN von Hénin-Beaumont (jener von Marine Le Pen) eingeschlichen. Er erkennt ihre Marke wieder: "Zwischen den beiden Wahlgängen hat sie 70.000 Stimmen gewonnen. Ihre Methode hat sich über Hénin Beaumont hinaus ausgezahlt: Überall präsent sein, nicht nur in den Innenstädten, und die Menschen beschwatzen."

Wahlprogramme? – "Interessiert uns nicht."

Die Le Pen-Maschinerie beackert das ganze Land, zum Händeschütteln mit FN-Kandidaten oder um beim Verteilen von Flyern zu helfen. Ein Spiel mit parteiinternen Hintergedanken. "Jean-Marie Le Pen kann seine Tochter zwar fördern, doch braucht sie unbedingt die Unterstützung der aktiven Parteimitglieder. Marine bringt ihnen also professionelle Hilfe und erwartet, dass sie sich bei parteiinternen Abstimmungen daran erinnern", analysiert Djamel Mermat.

Jeanne-Marie, die Mutter Brunos, findet das Ergebnis von Le Pen ebenfalls "normal." Sie zeigt auf einen Wust von verschlossenen Umschlägen. Die Wahlprogramme der Parteien. "Interessiert uns nicht." Sie bedauert, dass heute "ein Bauer nicht mehr seine Familie ernähren kann. Vor zwanzig Jahren hätte jemand mit 15 Hektar Land genug gehabt, um noch mehr Land zu kaufen." Bruno stimmt ihr zu: "Heute gibt’s Leute mit 200 Hektar Land, und die Frau muss trotzdem noch arbeiten gehen. Ich kenne einen, der war zu 105 Prozent verschuldet. Laufzeit zwölf Jahre. Der muss noch zwei Jahre ackern. Für nichts. Nur für’s Abbezahlen. Seit zehn Jahren liegt er seiner Frau auf der Tasche." Etwas leiser fügt er hinzu: "Sarkozy denkt nicht an uns. Er hat eine Lektion verdient."

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