Friedensnobelpreis: Ein Preisgeld für Erasmus

15. Oktober 2012
The Guardian London

Hier werden Europäer gemacht. Schnappschüsse von Erasmus-Studenten in Prag. Tschechien, 2009.
Hier werden Europäer gemacht. Schnappschüsse von Erasmus-Studenten in Prag. Tschechien, 2009.

Das Geld aus dem EU-Friedensnobelpreis sollte an Erasmus gehen. Das Studentenaustauschprogramm entfacht seit Jahrzehnten transnationale Liebe und erzeugt echte Europäer.

Eine Kritik an der Entscheidung des Nobelpreiskomitees, der EU den Preis zu verleihen, habe ich mehrmals gehört: Das Ganze sei ein bisschen wie ein Oscar für das Lebenswerk – mindestens 20 Jahre zu spät und eigentlich nur durch den unmittelbar bevorstehenden Tod des Empfängers begründet. Anders als in der konservativen britischen Presse, in der die Entscheidung des Komitees als „jenseits aller Parodie“ und als „verspäteter Aprilscherz“ bezeichnet wird, ist dies in den meisten europäischen Mainstream-Medien die Richtschnur.

Diese Kritik mag ja vernünftig klingen, doch ich persönlich halte sie für Blödsinn. Vielleicht ist es heute Konsens, den Nobelpreis als Auszeichnung für vergangene Leistungen zu betrachten, doch es gibt viel bessere Gründe, ihn – wie 2009 bei Obama – als Auszeichnung für ein zukünftiges Potential zu sehen. Wenn ich das in einem einzigen Wort erklären müsste, dann hieße es „Erasmus“.

Erasmus ist ein Austauschprogramm der Europäischen Union, das seit 1987 existiert. Es ist auf dem Festland bestens bekannt, wird jedoch in den Wirtschaftsteilen, die in der britischen Berichterstattungen über Europa führend sind, kaum erwähnt. Seit seinem Beginn haben über 2,5 Millionen Studenten aus ganz Europa an diesem Programm teilgenommen. Großbritannien ist eines der beliebtesten Zielländer, doch im Größenverhältnis einer der weniger aktiven Teilnehmer: Im Studienjahr 2009-2010 nahm Großbritannien 22.650 ausländische Studenten im Rahmen des Erasmus-Programms auf, schickte aber nur 11.723 ins Ausland.

Wo Nationalisten keine Chance haben

Raue Mengen an jungen Leuten sind mit diesem Programm ausgezogen und nie zurückgekommen. Deutsche verliebten sich in Spanierinnen, griechische Frauen heirateten französische Männer, Polen bekamen Kinder mit portugiesischen Müttern. Der italienische Autor Umberto Eco sagte letztes Jahr, Erasmus habe „die erste Generation junger Europäer geschaffen“. Er beschreibt es als „eine sexuelle Revolution: Ein junger Katalane lernt ein flämisches Mädchen kennen – sie verlieben sich, heiraten und werden Europäer, genau wie ihre Kinder.“

Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass diese Eltern und ihre Kinder einem nationalistischen Aufwiegler bei seinem Kriegsgehetze stumm und tatenlos zuhören würden. Sie würden sich zu Wort melden. Wichtiger noch: Manche von ihnen werden in den nächsten 20 Jahren wahrscheinlich zu wegweisenden Persönlichkeiten in den Medien, in der Geschäftswelt und in der Politik werden, und sie werden immer mehr außerhalb der nationalen Grenzen denken. Wenn – und das ist ein ernst gemeintes „wenn“ – die Eurokrise überwunden werden kann, dann stehen die Chancen gut, das darauf eine Zeit des Friedens folgt, neben welcher die letzten 67 Jahre kurz wirken.

Britische EU-Skeptiker werden sagen, dass die ganzen länderübergreifenden Liebesgeschichten nicht durch spießige EU-Bürokraten, sondern durch den freien Handel zwischen den Nationalstaaten zustande gekommen sind. Doch wer hat sich schon jemals bei einem Geschäftsmeeting verliebt? Das Schöne an einem Schema wie Erasmus ist, dass es Treffen zwischen jungen Leuten ermöglicht, bevor sie anfangen, derartige Begegnungen nur zum Austausch von Kapital eingehen zu wollen, bevor sie die kalte Maske des Handels aufziehen.

Nobelpreis für Europas sexuelle Union

Wie dem auch sei – wer sagt denn, dass ein Preis nicht romantisch sein darf? Wenn Sie wirklich daran glauben, dass interkulturelle Harmonie durch nichts anderes so effektiv garantiert wird wie durch den freien Handel, dann können Sie den Friedensnobelpreis auch gleich Ronald McDonald aushändigen. Das würde den Kontinent dann wirklich inspirieren.

Manuel Barroso, der Präsident der Europäischen Kommission, hat bis jetzt noch nicht angekündigt, wie das Preisgeld ausgegeben werden soll. Da Spanien seinen Beitrag zum Erasmusprogramm aus Geldmangel drastisch reduziert, würde eine Anwendung der 923.680 Euro zur Erweiterung des Programms – nicht nur für Studenten, sondern auch für „Taxifahrer, Klempner und andere Arbeiter“, wie Eco vorschlägt – zumindest das richtige Signal aus Brüssel aussenden.

Ein Nobelpreis für Europas sexuelle Union – das wäre doch einmal etwas, wofür wie uns alle ehrlich begeistern könnten.

Aus dem Englischen von Patricia Lux-Martel

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