Katalonien-Schottland: Die verbotenen Früchte der Unabhängigkeit

Der britische Regierungschef David Cameron (links) und sein spanischer Amtskollege Mariano Rajoy.
Der britische Regierungschef David Cameron (links) und sein spanischer Amtskollege Mariano Rajoy.
16. Oktober 2012 – Financial Times (London)

Der britische Premier gewährt den Schotten 2014 ein Unabhängigkeitsreferendum. Spanien schließt dies in Katalonien als verfassungswidrig aus. Der eine Entschluss ist politisch ausgereift, der andere wird die separatistischen Forderungen wahrscheinlich anstacheln.

Also ich vor ein paar Jahren in Schottland ankam, begrüßte mich ein Plakat, das damit prahlte, Glasgow habe „denselben Breitengrad wie Smolensk und dieselbe Einstellung wie Barcelona“. Das war ein lebhaftes Beispiel für die Mischung aus Kameradschaft und Bewunderung, mit der die Schotten auf Katalonien blicken. Barcelona, die katalanische Hauptstadt, hat vieles, das auch die Glasgower gerne hätten: besseres Wetter, besseres Essen, besseren Fußball. In einer auffälligen Hommage an Katalonien ließen die Schotten sogar ihr neues Parlamentsgebäude von dem aus Barcelona stammenden Architekten Enric Miralles entwerfen.

Heute jedoch haben die Katalanen einen Grund, neidisch nach Schottland zu blicken. Am Montag wurde bestätigt, dass Schottland 2014 ein Referendum über seine Unabhängigkeit abhalten wird. Die katalanische Regierung wünscht sich innigst, ihre eigene Volksbefragung über die Unabhängigkeit durchführen zu können, wird jedoch von der spanischen Regierung in Madrid resolut abgeblockt.

Spanien versucht, die Bewegung für die katalanische Unabhängigkeit durch eine legalistische Zwickmühle zu vereiteln. Der Landesregierung zufolge müssen die katalanischen Nationalisten die spanische Verfassung beachten. Und die Verfassung besage, es sei illegal, ein Referendum über Unabhängigkeit abzuhalten.

Die Briten haben einen zugleich pragmatischeren und mutigeren Ansatz gewählt. Premierminister David Cameron hätte durchaus darauf bestehen können, dass vom Gesetz her nur die britische Regierung das Recht hat, ein Referendum zu organisieren. Statt dessen erlaubt sie den Schotten, eine Abstimmung über die Zukunft ihrer Nation zu organisieren – unter der Bedingung, dass die Unabhängigkeit die einzige Frage auf dem Stimmzettel ist.

Psychologische Schläue

Sowohl von der Justiz als auch von der Vernunft her scheint der Ansatz der britischen Regierung klüger. Cameron ist, wie auch der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy, ein konservativer Patriot. Jeder der beiden Männer wäre entsetzt, über einen Zerfall seines Landes den Vorsitz führen zu müssen. Doch die britische Regierung hat anerkannt, dass die schottischen Nationalisten durch ihren Wahlsieg in Edinburgh das demokratische Recht erlangt haben, ein Referendum über die seit Jahren von ihnen anvisierte Unabhängigkeit abzuhalten. Es hat keinen Zweck, dies durch legalistische Mittel verhindern zu wollen.

Der Ansatz der britischen Regierung ist zwar riskant, doch auch in psychologischer Hinsicht schlau. Wenn man jemandem etwas absolut verbietet, ist das der beste Weg, seinen Wunsch eben danach zu schüren. Dieses Prinzip wurde erstmals im Garten Eden aufgestellt und trifft ebenso sicher auf das heutige Katalonien zu. Für die schottischen Nationalisten könnte es hingegen leicht ernüchternd sein, dass eine Meinungsumfrage vor Kurzem besagte, die Unterstützung für die schottische Unabhängigkeit sei in England stärker als in Schottland selbst.

Die Parallelen zwischen der schottischen und der katalanischen Sache sind faszinierend. In beiden Regionen datieren die Nationalisten den Verlust der Unabhängigkeit auf das frühe 18. Jahrhundert. Die Schotten unterzeichneten das Vereinigungsgesetz mit England – das 1707 zur Entstehung von Großbritannien führte – nach einem schlecht konzipierten Kolonialexperiment namens Darién-Projekt, das Schottland an den Rand des Bankrotts geführt hatte. Die katalanischen Nationalisten setzen den Verlust ihrer Unabhängigkeit auf den Fall Barcelonas im Jahr 1714 fest. Neulich begingen katalanische Nationalisten das Jubiläum während eines Fußballspiels zwischen Barcelona und dem Real Madrid mit einem ohrenbetäubenden Gebrüll – 17 Minuten und 14 Sekunden nach Anpfiff.

Sowohl die schottischen als auch die katalanischen Nationalisten nutzten die EU, um ihr Plädoyer zugunsten der Unabhängigkeit zu stärken. Ein unabhängiges Schottland oder Katalonien, so heißt es, braucht keine Angst vor der Isolation zu haben, da die neuen Staaten ja Mitglieder im größeren europäischen Club wären – und somit ihre Unabhängigkeit mit der Sicherheit durch die EU-Mitgliedschaft kombinieren könnten.

Scheidungsverbot rettet die Ehe nicht

Manche schottische Intellektuelle meinen auch, die Feindseligkeit gegenüber der EU sei ein spezifisch englisches Laster – und die Schotten seien lange nicht so chauvinistisch. Diese Idee kommt in Brüssel gut an, wo die Vorstellung, dass die Engländer für ihre Euroskepsis durch die schottische Abspaltung bestraft werden könnten, so manchen amüsiert. In Wirklichkeit deuten die Meinungsumfragen darauf in, dass die Schotten der EU gegenüber nur gering weniger abgeneigt sind als die Engländer. Eine Umfrage ergab neulich, dass 60 Prozent der englischen Wähler aus der EU austreten wollen – eine Ansicht, die 50 Prozent der Schotten teilen.

Die Wirtschaftskrise innerhalb der Eurozone hat die schottischen Nationalisten dazu gebracht, die europäische Perspektive in ihrer Kampagne herunterzuspielen. Sie sagen nun, ein unabhängiges Schottland werde nicht sofort nach einem Euro-Beitritt streben und statt dessen das Pfund als Währung behalten – mit schottischen Banknoten, so wie heute. Spanien dagegen steht mitten in der Eurokrise, also sieht der Rest der EU im Vergleich dazu immer noch gut aus. Die meisten katalanischen Nationalisten beteuern, dass ihr neuer Staat Teil des Euro bleiben würde.

Es gibt allerdings einen großen Unterschied zwischen Schottland und Katalonien, der die unterschiedlichen Einstellungen von Madrid und London erklärt. In Schottland leben nur knapp 5,2 Millionen der insgesamt 62 Millionen Briten – und es gilt in England weitgehend als stark vom Rest des Landes subventioniert. (Die schottischen Nationalisten streiten dies ab.) Katalonien dagegen macht 7,3 Millionen der 47 Millionen Einwohner Spaniens aus – und ist eine der reichsten Regionen des Landes. Es zu verlieren, wäre für Spanien ein schrecklicher Schlag.

Doch sogar die Engländer könnten in ihrer legendären Fassung etwas erschüttert werden, wenn Schottland 2014 tatsächlich für die Unabhängigkeit stimmt. Ich persönlich hoffe, dass sowohl Großbritannien als auch Spanien einig bleiben können. Doch wenn, dann sollte dies auf Übereinstimmung beruhen. Die spanische Regierung sollte aufhören, sich hinter dem Gesetz zu verstecken, und ein katalanisches Referendum erlauben. Keine Ehe kann allein dadurch überleben, dass eine Scheidung für illegal erklärt wird.

Aus dem Englischen von Patricia Lux-Martel

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