Dänemark: Europameister der TV-Serien

30. November 2012
Le Monde Paris

Sidse Babett Knudsen spielt die dänische Regierungschefon Birgitte Nyborg in "Borgen".
Sidse Babett Knudsen spielt die dänische Regierungschefon Birgitte Nyborg in "Borgen".

Das kleine Land sprengt heute durch gut gemachte Serien wie Borgen den Bildschirm. Ein Erfolg, der ein weltweit einzigartiges Produktionssystem auszeichnet: völlige Freiheit für die Drehbuchautoren.

Es gibt eine neue Art, Kopenhagen zu besichtigen, nämlich auf den Spuren von Sarah Lund und Birgit Nyborg, den beiden Hauptfiguren der TV-Serien The Killing und Borgen. Das bietet zumindest das Kopenhagener Fremdenverkehrsamt an. Beide Serien kommen bei den Fernsehzuschauern in der ganzen Welt hervorragend an, werden mit internationalen Preisen überschüttet und haben den kleinen nordeuropäischen Staat mit nicht einmal sechs Millionen Einwohnern plötzlich ins Rampenlicht gerückt.

Mit den beiden skandinavischen Serien entdecken wir ein Land, in dem die Wolken tief hängen, der Regen alles durchnässt, Morde schmutzige Geheimnisse verbergen und politische Parteien sich zerreißen. Und das ganz ohne Affentempo oder Spezialeffekte, ohne lauter überraschende Wendungen oder Glamour-Make-up. Grund genug, dass sich die völlig perplexen Amerikaner beeilten, schnell die Rechte für ihre Remakes aufzukaufen.

In Dänemark flaut der Erfolg nicht ab. Die dritte Staffel von The Killing, die gerade ausgestrahlt wird, bannt jede Woche 1,7 Millionen Zuschauer vor den Apparat. „Können Sie sich das in Frankreich vorstellen? Ein Drittel der Landesbevölkerung vor dem Fernseher?“ amüsiert sich Regisseur Mikkel Serup.

Das halbe Land vor dem Fernseher

Seine Hauptfigur ist eine fast asoziale Polizistin mit zurückgebundenen Haaren und abgespannten Gesichtszügen, inspiriert an Clint Eastwood in Dirty Harry. Die Darstellerin wird im Ausland wie eine Botschafterin begrüßt. Dasselbe Phänomen findet auch bei der Serie Borgen statt, die die Kulissen von Christiansborg, dem Sitz des dänischen Parlaments, enthüllt. Hauptfigur Birgit Nyborg wurde zur Ministerpräsidentin bevor ein Jahr später im Oktober 2011 Helle Thorning-Schmidt, die Vorsitzende der Sozialdemokraten (SD), das Amt im wirklichen Leben übernahm.

In England verfolgten David Cameron, der britische Premierminister, und Nick Clegg, der Parteichef der Liberaldemokraten, Borgen ganz gewissenhaft. Immer einen Zug voraus sein, alle Erwartungen durchkreuzen, die Zuschauer mit schwierigen Verhandlungen über die Ernennung eines EU-Kommissars in Brüssel faszinieren: Das sind die ersten Gründe für den Erfolg dieser Serie und der dänischen Fiktionsproduktion.

Um das zu verstehen, muss man nach Ørestad fahren, ein Stadtteil Kopenhagens, in dem Wohnhäuser neben Firmengebäuden stehen. Vor einer Freifläche, auf der sich ein paar Möwen tummeln, flattert die Fahne von DR (Danmarks Radio). Hier wird die Programmstrategie der sechs öffentlichen Sender ausgearbeitet. Sie sind völlig werbungsfrei und werden durch die Rundfunk- und Fernsehsteuer finanziert (303 Euro, im Vergleich zu 125 in Frankreich).

Im dritten Stock plaudern drei junge Frauen in einem kleinen, verglasten Raum. Sie sehen aus, als machten sie gerade Kaffeepause. „Das ist unser nächster großer Erfolg“, verrät man uns. In diesem „Writing-Room“, der sich auf einen Tisch, zwei Stühle und eine Couch beschränkt, fand vor ein paar Tagen die letzte Arbeitssitzung des Borgen-Teams statt, bei welcher die Handlung der Serie abgeschlossen wurde. Ihre dritte Staffel ist noch in Produktion. Nun sitzt hier ein neues Trio von Drehbuchautorinnen, nämlich das Dream Team von The Legacy: Eine große Künstlerin hinterlässt nach ihrem Tod vier Kinder, die durch das Leben voneinander getrennt wurden und nun eine knifflige Erbschaft regeln müssen.

Im Büro gegenüber entwirft Jeppe Gjervig Gram, Koautor des Drehbuchs von Borgen, den Handlungsbogen von Follow the Money. Die Serie soll die Mechanismen der Finanzwelt enthüllen, so wie Borgen es bei der Politik tut. Wenn die generelle Handlung steht, kommen zwei weitere Autoren dazu, um die Folgen auszufeilen. Die Zahl Drei ist hier die goldene Regel. Drei Personen zum Schreiben und drei Staffeln pro Serie. Bei mehr stimmt die Alchemie nicht mehr.

Die Freiheit der Drehbuchautoren

„Wollen Sie unsere Fabrikationsgeheimnisse wissen?“ fragt Camilla Hammerich, die Produzentin von Borgen. Und deutet auf die Kaffeemaschine... Im Klartext: Die Köpfe arbeiten lassen, bis sie rauchen. „Das ist eine Dynamik. Das Gespräch lässt nie nach, es ist als würden wir jonglieren und der Ball wäre immer in der Luft“, bestätigt Mada Dul Larsen, die gerade aus dem „Writing-Room“ für The Legacy gekommen ist. Bei DR sind die Drehbuchautoren fest angestellt und werden vom Sender bezahlt, auch während der für die Story nötigen Recherchen.

Die Dänen haben sich an dieses Modell herangetastet, das heute die europäischen Drehbuchautoren vor Neid erblassen lässt. „Bis Anfang der 90er Jahre brachten wir nur langweiliges Zeug, das die hauseigenen Kameraleute drehten“, erinnert sich Camilla Hammerich. „Unser Fernsehen surrte so vor sich hin. Die Filmemacher fanden es mäßig und wollten nichts damit zu tun haben.“ Ihr Halbbruder Rumle Hammerich hat es aus der Lethargie herausgeholt. Er wurde 1992 zum Leiter der Fiktionsabteilung von DR ernannt und machte sich sofort auf den Weg in die USA.

Nach seiner Rückkehr begann er, die Barrieren zwischen Fernsehen und Film abzubauen. Er wandte sich an die mutigsten Regisseure, die renommiertesten Kameraleute, diejenigen, die an der nationalen Filmschule in Kopenhagen ausgebildet worden waren, von der auch Lars Von Trier, Bille August, Thomas Vinterberg, Susanne Bier (die 2011 für Revenge den Oscar bekam) oder Nicolas Winding Refn (Drive) kommen. „Die Drehbuchautoren stehen in der Pyramide ganz oben und die Produzenten müssen das beste Team anheuern können, ohne dass ihnen ein Schauspieler oder ein Cutter aufgezwungen wird“, erklärt Camilla Hammerich weiter.

Publikumsliebling trotz Verriss

Nur eine Vorgabe gibt es, die allerdings mit dem Auftrag des öffentlichen Diensts zusammenhängt: Jedes Mal muss eine doppelte Verständnisebene angeboten werden, damit die Zuschauer über aktuelle Fragestellungen aufgeklärt werden. The Killing zum Beispiel kombiniert geschickt polizeiliche Ermittlungen und politische Einsätze. Besser noch: Die dritte Staffel konzentriert sich auf die Auswirkungen der Finanzkrise.

Am 29. Oktober war Piv Bernth, die heute die Fiktionsabteilung bei DR leitet, im Rahmen eines Seminars über das dänische Modell in Oslo (Norwegen). Die Tagungsteilnehmer waren verblüfft über die Freiheit, die den Drehbuchautoren gelassen wird. Überhaupt kein Druck von Seiten des Senders? Nicht der geringste. Wenigstens ein bisschen Neugier? Gute Ratschläge? Nein. „Die Sichtweise des Künstlers muss vorherrschend sein. Wenn wir einem Projekt erst einmal zugestimmt haben, bleiben wir im Hintergrund. Das ist der Schlüssel zu unserem Modell“, erklärt Piv Bernth. „Bei kommerziellen Sendern, die nervös auf die Zuschauerzahlen blicken, kann das nicht funktionieren.“

Demgegenüber untersteht sich kein Politiker, die Programmentscheidungen von DR zu kritisieren. Erstaunlicherweise waren es die dänischen Journalisten, gefolgt von den Kommunikationsberatern der Politiker, die Borgen anfangs heruntermachten. Zu unwahrscheinlich, hieß es. Sogar die linksliberale Wochenzeitung Politiken urteilte es streng ab. Ein Jahr später stellte sich allerdings bei einer Umfrage unter den Lesern heraus, dass Borgen deren Lieblingssendung war.

Zur selben Zeit entfesselte ein Steuerhinterziehungsskandal, in den der Spin Doctor des ehemaligen Ministerpräsidenten verwickelt war, eine landesweite Debatte über die ausschlaggebende Rolle, die diese Meinungsmacher einnehmen.

Aus dem Französischen von Patricia Lux-Martel

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