Gesellschaft Migration und Bevölkerung

Großbritannien: 2014 rollt keine Migranten-Welle an

29. Januar 2013
New Eastern Europe Krakau

Bevor 2014 die Einwanderungskontrollen für Rumänien und Bulgarien enden, erwägen britische Minister eine Abschreckungskampagne. Dabei ist eine „Immigrantenwelle“ wie 2004 unwahrscheinlich.

Nächstes Jahr im Januar, sieben Jahre nach dem EU-Beitritt Rumäniens und Bulgariens, laufen die letzten Übergangskontrollen für die Einwanderung von rumänischen und bulgarischen Staatsbürgern aus.

In Großbritannien zieht man nun bereits Parallelen mit der „Einwanderungswelle“ von 2004, als Polen und die anderen so genannten A8-Länder [Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechische Republik und Ungarn, die 2004 der EU beitraten] das Recht erhielten, innerhalb der gesamten EU zu reisen und zu arbeiten. [Großbritannien traf zwischen 2004 und 2011 Maßnahmen, um die Anzahl von Arbeitern zu begrenzen, die nach dem EU-Beitritt ihres Landes in Großbritannien arbeiten dürfen.]

Die attraktivsten Faktoren für die Immigration – zu welchen Chancen auf Arbeit, ein relatives Pro-Kopf-Bruttoinlandeinkommen und vergleichbare Chancen in der ganzen EU gehören – deuten jedoch alle darauf hin, dass der Migrationsfluss aus Rumänien und Bulgarien nicht nur deutlich geringer sein wird als der Zustrom von 2004, sondern sich auch stärker auf die EU-Mitgliedsstaaten verteilen wird.

Nur ein Drittel Osteuropäer unter den Migranten

Eine kürzlich veröffentlichte Studie vom Migration Observatory der Universität Oxford hat die langfristigen Auswirkungen der A8-Immigration auf Großbritannien aufgezeichnet und den „Tsunami-Effekt“ in einen breiteren Kontext gestellt.

Schätzungen von 2004 zufolge sollten jährlich 15.000 Menschen aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten nach Großbritannien ziehen, während sich der durchschnittliche langfristige internationale Zustrom von EU-Bürgern im Zeitraum von 2004 bis 2010 auf rund 170.000 erhöhte, im Vergleich zu den 67.000 der vorigen sechs Jahre.

Als Prozentsatz der EU-Bürger betrugen die A8-Immigranten rund 50 Prozent dieser Bewegung. Das bedeutet, dass die Osteuropäer nur ein Drittel des Gesamtzustroms an Migranten nach Großbritannien ausmachten. Nichtsdestotrotz hinterließ das Versäumnis, die Auswirkungen der Aufhebung dieser Einschränkungen vorherzusehen, tiefe Spuren in der britischen politischen Landschaft.

Kein enormer Zustrom

Die UK Independence Party (UKIP) hat nun eine Uhr mit einem Countdown auf ihrer Website: für den Zeitpunkt, an dem – wie auch The Telegraph warnt – „29 Millionen Bulgaren und Rumänen das Recht erhalten, ohne Einschränkung in Großbritannien zu leben und zu arbeiten.“

Untersuchungen der Open Society in Sofia weisen darauf hin, dass der Zustrom bulgarischer Migranten tatsächlich „volumenmäßig weit weniger bedeutend“ wäre. Es sei weniger wahrscheinlich, dass durch ihn „der Arbeitsmarkt zerrüttet“ würde als beim EU-Zugang der A8-Länder.

Ein starker Motor für die Wirtschaftsimmigration ist ein großer Unterschied bei den Arbeitslosenzahlen. 2004 lag die Arbeitslosenquote in Polen bei 18,9 Prozent, im Vergleich zu 4,6 Prozent in Großbritannien. Bulgarien ist zwar arm geblieben, doch seine Arbeitslosenrate ist auf 12,4 Prozent gesunken, im Vergleich zu 7,8 Prozent in Großbritannien.

Der Faktor Arbeitslosigkeit

Angesichts der Tendenz zur zunehmenden Arbeitslosigkeit in Großbritannien ist die Anziehungskraft des Landes als Zielort für die wirtschaftliche Migration in Frage gestellt. Das gilt sogar noch stärker für Rumänien, wo die Arbeitslosenquote niedriger ist als in Großbritannien, nämlich bei 6,7 Prozent.

Wie Ivan Krastev, Vorsitzender des Zentrums für Liberale Strategien in Sofia, kürzlich im Guardian hervorhob: Wenn die Arbeitslosigkeit der einzige Anziehungsfaktor wäre, dann wären Spanien und Griechenland bessere Kandidaten für die Auswanderung.

Angesichts der jungen Bevölkerung in Rumänien – allgemein die mobilste Gruppe – sinken die Reserven an potentiellen Auswanderern ebenso, und sie werden sich auf eine ungleichartigere Weise auf der Suche nach neuen Chancen verteilen.

Der Einkommensunterschied, der am Pro-Kopf-Bruttonationaleinkommen (BNE) gemessen wird, geht mit dem Wunsch einher, einen besseren Lebensstandard zu erreichen. Hier liegt nahe, dass Großbritannien als Arbeitsstätte begehrenswert ist, jedoch immer weniger als 2004.

Verzopfte Panikmache

Das BNE ist in Rumänien und Bulgarien jeweils halb bzw. ein Drittel so hoch wie das britische, doch das ist erheblich höher als das polnische BNE während der Immigrationswelle von 2004, das nur ein Fünftel des britischen betrug.

Die Ausbreitung der Arbeitsmärkte in der EU, eine Folge der gegenseitigen Aufhebung von Visumsbeschränkungen für Belgien, Deutschland, Frankreich, Irland, Luxemburg, Malta, die Niederlande und Österreich sowie für Großbritannien, wird auch zu einer breiteren Auswahl für die Wirtschaftsmigranten führen.

Die Darstellung der Migrationstendenzen ist keine genaue Wissenschaft und die Migrationszuströme werden gewiss zunehmen. Doch der Instinkt, die Immigrationszahlen auf die Minute vorherzusagen, scheint unvermeidlich zu einer verzopften Panikmache zu führen. Da ist von Gerangel um Arbeitsplätze, Wohnungen und Wohlfahrtsressourcen die Rede, ganz zu schweigen von der Hinterfragung der Motive jener, die auswandern.

Diese Geschichten werden die politischen Entscheidungsträger nur wenig beim Angehen der aus einem gemeinsamen Markt entstehenden, endemischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme unterstützen. Sie sind auch hinderlich bei den Bemühungen, eine positive Beziehung mit dem neuen Osteuropa aufzubauen.

Aus dem Englischen von Patricia Lux-Martel

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