Gesellschaft

Bulgarien-Großbritannien: Sehr geehrter Herr Farage…

31. Januar 2013
24 Tschassa Sofia

Nigel Farage bei seiner Wahlkampagne in Winslow, England, im April 2010
Nigel Farage bei seiner Wahlkampagne in Winslow, England, im April 2010

Die von Nigel Farage mit der Öffnung des britischen Arbeitsmarkts 2014 angekündigte „Flutwelle“ aus Bulgarien und Rumänien, hat in Sofia zahlreiche Reaktionen ausgelöst. Eine junge Bulgarin, die in Edinburgh studiert hat, richtet an den Euro-Skeptiker und Verfechter eines britischen EU-Austritts einen offenen Brief.

Ich greife zur Feder, denn ich war ehrlich gesagt von Ihren Aussagen über bulgarische und rumänische Einwanderer überrascht. Zunächst einmal möchte ich mich Ihnen vorstellen: Ich heiße Ralitsa Behar und komme aus Bulgarien. Ich habe vier Jahre lang an der Universität Edinburgh studiert und dort auch meinen Abschluss gemacht.

Um meine berufliche Laufbahn weiter erfolgreich voranzubringen, bin ich nach Bulgarien zurückgekehrt. Doch meine starke Bindung zu Großbritannien veranlasst mich heute, Ihnen diesen Brief zu schreiben.

Auch wenn ich Ihre Besorgnis über die Zuwanderung verstehen kann, so bin ich dennoch gezwungen, Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Kommentare über Bulgarien falsch und zu einem großen Teil beleidigend sind.

Sie bestätigen mein Gefühl, dass die Briten, und darüber hinaus die Westeuropäer, ein verzerrtes Bild von Osteuropa haben.

Ich möchte hierbei ausdrücklich betonen, dass ich mir bewusst bin, dass die Dinge in Bulgarien nicht so gut laufen, wie ich mir es selbst wünschen würde.

Vorurteile und falsche Zahlen

Ich lebe nicht in einer Blase und sehe sehr wohl die Probleme, die bei uns in Politik, Justiz, Bildung und Gesundheit weiter bestehen. Dennoch bin ich anderer Meinung als Sie und möchte, dass Sie das wissen. Lassen Sie mich mit etwas Fact-Checking beginnen.

Sie behaupten, dass das bulgarische Durchschnittseinkommen bei 200 Euro monatlich liege. Schenke ich dem Nationalen Statistikamt Glauben, so beläuft es sich auf 754 Lew, umgerechnet 385,50 Euro — fast das Doppelte des von Ihnen genannten Werts.

Sie behaupten, dass die Durchschnittsrente bei 100 Euro monatlich liegt.Sie liegt bei 138 Euro. Sie behaupten des Weiteren, dass rund 50 Prozent der Bulgaren unter der Armutsgrenze lebten. Auch das ist falsch: Laut Statistik sind es 27 Prozent, also die Hälfte.

Ich war außerordentlich erstaunt, derart viele Fehlinformationen aus Ihrem Munde zu hören, dachte ich doch, dass ein Politiker Ihres Formats über die Mittel verfügen würde, um Informationen und Zahlen zu prüfen.

Sie können es sehr leicht im Internet machen, alle Informationen sind dort auf Englisch zugänglich.

Doch ist das nicht der einzige Grund meiner Verwunderung. Ich denke, dass Bemerkungen wie „Ich als Bulgare hätte schon lange meine Koffer gepackt und wäre nach Großbritannien ausgewandert“ völlig fehl am Platz sind.

Besser nach Bulgarien

Und da Sie sich nun einmal sich auf mein Land eingeschossen haben, möchte ich Ihnen die Gründe nennen, warum ich genau das Gegenteil von dem, was sie sagen, getan habe. Ja, ich habe meine Koffer gepackt — aber um nach Bulgarien heimzukehren und dort zu leben.

Warum? Zum Ersten, weil Bulgarien ein Land mit ungeheurem Potenzial ist. Ich denke ganz ehrlich, dass alle jungen Bulgaren, die im Ausland studiert, ihre berufliche Laufbahn in Bulgarien weiterverfolgen sollten.

Mit meinem Auslandsdiplom in der Tasche, habe ich schnell gemerkt, dass meine Kompetenzen hier in meiner Heimat viel nützlicher sind als in Großbritannien.

Schließlich sind wir die Zukunft unseres Landes und der Grundstein für dessen Entwicklung! Des Weiteren werden meine Kompetenzen hier mehr gewürdigt als in London.

Ich denke, Sie stimmen mir zu, wenn ich sage, dass die Konkurrenz auf dem britischen Arbeitsmarkt äußerst hart und es selbst für junge Leute der besten Universitäten schwierig ist, einen Arbeitsplatz zu bekommen. Bei uns ist dem nicht so.

Unternehmer nicht Hilfsarbeiter

Darüber hinaus ist es in Bulgarien äußerst leicht, ein Geschäft aufzuziehen. Meine Diplomarbeit in Edinburgh habe ich über das Modell des „Family Business“ geschrieben, welches sich in meiner Heimat nach dem Sturz des Kommunismus 1989 etabliert hat.

Eine der Schlussfolgerungen meiner Arbeit war, dass zahlreiche Menschen in Bulgarien kleine oder mittlere Unternehmen gründen wollen, schlicht und einfach, weil hier der Einkommenssteuersatz mit 10 Prozent der EU-weit niedrigste ist. Dazu ist eine Firmengründung in Bulgarien sehr einfach: ein Euro Kapital reicht.

Ich möchte auch noch präzisieren, dass nicht alle Bulgaren — und auch nicht Rumänen —, die in Ihr Land kommen, grundsätzlich „unqualifizierte Hilfsarbeiter“ sind. Und selbst wenn dem so wäre, trügen diese immer noch zum Wohlstand Ihrer Wirtschaft bei.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen und Sie nach Bulgarien einladen. Seien Sie Gast meiner Familie und wir werden unser Bestes geben um Ihnen zu erklären, wie sehr sich unser Land in den vergangenen zwanzig Jahren verändert hat und welch ein großartiges Potenzial hier und heute anzufinden ist.

Zum Abschluss möchte ich noch betonen, dass ich diesen Brief mit den besten Absichten geschrieben habe und hoffe, dass ich meinen Beitrag zum Thema „bulgarische Einwanderer“, das Ihnen so am Herzen liegt, leisten konnte. Für eine Antwort wäre ich dankbar. (JS)

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