Gesellschaft Migration und Bevölkerung

Immigration: Sei trendy, werde Pole

12. Februar 2013
Rzeczpospolita Warschau

Das Auswanderungsland Polen wird mehr und mehr zum Wunschziel von Ausländern. Immigranten aus Mittel- und Osteuropa, Südostasien und Afrika beantragen heute die polnische Staatsbürgerschaft.

Als German Efromovich, ein südamerikanischer Milliardär und Besitzer der Fluggesellschaft Avianca, die größte portugiesische Fluggesellschaft TAP kaufen wollte, traf er auf ein anscheinend unüberwindbares Problem: Nach EU-Recht kann ein Investor, der keine EU-Staatsangehörigkeit besitzt, nur 49 Prozent der Anteile an einer europäischen Fluggesellschaft erwerben.

Wenig später verkündete er den erstaunten Journalisten bei einer Pressekonferenz in Lissabon: „Ich habe die polnische Staatsbürgerschaft beantragt. Ich habe Anspruch darauf, denn meine beiden Eltern waren Polen.“ Und tatsächlich, nicht viel später, am 5. Dezember 2012, erhielt Efromovich seinen polnischen Pass.

Der in Bolivien geborene Unternehmer ist nach eigenen Angaben stolz auf seine polnischen Wurzeln. Er wurde in La Paz geboren, in einer Familie polnischer Juden, die Polen kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs verließen. Die polnische Staatsbürgerschaft hat ihm bisher noch nicht viel genutzt, denn die portugiesische Regierung hob den TAP-Kauf mit der Begründung auf, Efromovich habe nicht genügend finanzielle Garantien geboten.

Was nichts an der Tatsache ändert, dass die Polen nun einen zusätzlichen Mitbürger haben – der zudem bereits die polnische Liste der reichsten Bürger ummodelte, denn mit seinen rund 875 Millionen Euro liegt er auf ihrem fünften Platz.

Mit dem weißen Adler auf der Brust spielen

Der Volleyballspieler Yuri Gladir, der seit vier Jahren bei der Mannschaft Zaksy Kędzierzyn-Koźle spielt, mag zwar lange nicht so reich sein wie Efromovich, doch im Sport ist er mit Sicherheit besser. Der aus dem ukrainischen Poltawa stammende Gladir lebt in Polen mit seiner Frau Marina und der in Polen geborenen Tochter Daria. Er bekam vor kurzem seinen polnischen Pass. Nun träumt er von der Nationalmannschaft: „Es ist der Traum jedes Volleyballspielers, mit dem weißen Adler auf der Brust zu spielen, denn die polnische Mannschaft gehört zu den bestplatzierten der Welt“, erklärt Gladir.

Doch die meiste Publicity bekamen die Wahlpolen im Bereich Fußball. Bekannte Namen werten die Liga-Mannschaften auf und retten die Nationalmannschaft. „Ich liebe Polen und seine Einwohner. Ich würde gerne Bürger eines Landes werden, in dem ich so viele schöne Augenblicke erlebt habe“, erklärte Roger Guerreiro, ein aus Brasilien stammender Spieler der Legia Warszawa. Sein Antrag auf Staatsbürgerschaft kam problemlos durch, als sich herausstellte, dass die Nationalmannschaft dringend einen offensiven Mittelfeldspieler brauchte.

Seit letztem Jahr kann man die polnische Staatsbürgerschaft durch ein Verfahren auf Provinzebene viel schneller und einfacher bekommen. Sie kann auch auf Ermessen des polnischen Staatspräsidenten vergeben werden – und Bronisław Komorowski vergab sie letztes Jahr tatsächlich an 2500 Ausländer. Doch die meisten Anträge werden immer noch in den Provinzbehörden gestellt. Die Provinz Mazowieckie im Zentrum des Landes nahm letztes Jahr fast 500 davon entgegen, im Vergleich zu nur 107 im Jahr 2008. Vor Polens EU-Beitritt 2004 waren derlei Anträge jedoch selten.

Land für dynamische Menschen

Warum sind also immer mehr Ausländer daran interessiert, polnische Staatsbürger zu werden? Es ist eine pragmatische Frage. Der aus Nigeria stammende Henry Mmereole, der in Warschau drei Apotheken leitet, glaubt, Ausländer ziehen nach Polen, weil sich das Land schnell entwickelt und talentierte, dynamische Menschen schnell gesellschaftlich aufsteigen können. Man kann hier gewiss mehr erreichen als in den Ländern, in welchen die gesellschaftliche Hierarchie seit langem festgelegt ist. Das Klima ist der größte Nachteil, aber daran gewöhnt man sich, wie Mmereole optimistisch meint.

Immer öfter kommt jedoch neben wirtschaftlichen oder familienbezogenen Betrachtungen ein anderer Faktor ins Spiel, den man folgendermaßen zusammenfassen kann: Polen ist ein reizvolles Land, in dem sich angenehm leben lasst.

Die Atmosphäre, die Freundlichkeit. Meine Tante und mein Onkel aus Griechenland gingen neulich auf dem Warschauer Königsweg spazieren und waren erstaunt. Polen sollte Werbung für seine Kultur machen, es hat hervorragende Theater und Sportveranstaltungen. Vor allem diese Gebiete machen Länder weltweit bekannt,

findet der Multiinstrumentalist Milo Kurtis, Mitbegründer der Kultband Maanam und derzeit Mitglied von Drum Freaks, der kürzlich die polnische Staatsbürgerschaft beantragte.

Kurtis wurde 1951 in Zgorzelec an der deutsch-polnischen Grenze geboren, in einer Familie griechischer Flüchtlinge (rund 15.000 von ihnen ließen sich um 1950 in Polen nieder). Er beschloss, dass er – da er schon wie ein Pole denkt und die Absicht hat, den Rest seines Lebens hier zu verbringen – auch die Staatsbürgerschaft beantragen könne, das wäre sowohl ehrlich als auch praktisch. In gewisser Weise ist er bereits Pole und liebt das Land, doch er wird, wie er sagt, für immer Grieche bleiben, denn „wir sind wie Juden – das Blut gibt den Ausschlag, nicht der Geburtsort“.

In den 80er Jahren wurde Kurtis die deutsche Staatsbürgerschaft angeboten, doch er lehnte sie ab, nachdem sein Schwiegervater sagte: „Es ist deine Entscheidung. Aber wir werden keinen Deutschen in der Familie haben.“

Vietnam des Nordens

In der Zwischenzeit sind viele Ausländer, ohne jegliche Werbung, auf der Suche nach Bildung oder nach einem besseren Leben nach Polen gekommen. Doch nur ein Bruchteil von ihnen wird einen polnischen Pass beantragen. Ein paar tausend Anträge pro Jahr sind nicht viel, angesichts der Tatsache, dass die Anzahl der – legalen oder illegalen – Einwanderer in Polen auf eine halbe bis eine Million geschätzt wird. Doch in Wirklichkeit beginnt der Zustrom erst.

Viele Vietnamesen haben Polen zum Zielland gewählt. „Viele aus der Generation unserer Eltern haben hier in den 60er und 70er Jahren studiert, sprechen polnisch und vermitteln ein etwas idealisiertes Bild von Polen als Schlaraffenland“, erklärt Karol Hoang, Leiter der Immobilienagentur Asean Development und Eigentümer einer Model-Agentur mit Sitz in Warschau. Sein Großvater war Diplomat in Warschau.

Es gibt circa 40- bis 50.000 vietnamesische Einwanderer in Polen, doch nicht sie sind die größte Gruppe, sondern die Ukrainer. Neben der Land- und Gartenarbeit haben sie sich auf Bauarbeiten sowie auf Kinderhüten und Altenpflege spezialisiert. Sie arbeiten auch in Supermärkten.

„Die Ukrainer arbeiten eine Zeit lang, verdienen ihr Geld und fahren wieder nach Hause. Die Chinesen packen, wenn die Geschäfte nicht gut gehen oder eine Krise ausbricht, ihre Siebensachen und ziehen weiter. Doch die Vietnamesen bleiben hier. Wir wurzeln uns hier an, planen zehn oder zwanzig Jahre im Voraus, denken an die Zukunft unserer Kinder, daran, ob sie eine gute Ausbildung bekommen und später einen guten Job in einer Bank oder einem Unternehmen, erklärt Hoang, dessen Frau Polin ist und der sich selbst halb polnisch fühlt. Er besiegelte seine 20-jährige Beziehung mit Polen nun, indem er mit Erfolg die Staatsbürgerschaft beantragte.“

Junge Vietnamesen passen sich schnell an und betrachten sich oft als polnisch. Tatsächlich beschwert sich die erste Generation der Einwanderer, dass dieser Vorgang zu schnell abgelaufen ist und dass die jungen Leute ihre Beziehungen zum Heimatland nicht genügend pflegen. Doch das Thema der Identität reicht tiefer. Asiaten haben keine blauen Augen und blonden Haare, sie wären gerne wie Polen, werden aber nicht immer als solche akzeptiert.

Dennoch hat Polen seit den späten 90er Jahren einen weiten Weg zurückgelegt. Damals warfen Fußballhooligans Bananen auf den aus Nigeria stammenden polnischen Stürmer Emmanuel Olisadebe. 2010 wurde John Abraham Godson, ebenfalls in Nigeria geboren, Polens erstes Parlamentsmitglied mit schwarzer Hautfarbe. Alles begann, als ein rumänischer Missionar ihm von dem fernen Land erzählte. Heute sagt Godson, er sei aus Łódź und wolle dort sein Leben verbringen und begraben werden.

Wann kommt der Zeitpunkt, wenn ein Einwanderer eine überwiegend polnische Identität entwickelt? Gewiss nicht, wenn er seinen polnischen Pass erhält. Okil Khamidov, Regisseur der beliebten TV-Serie Świat według Kiepskich und von Geburt Tadschike, witzelt darüber. Was ihn betreffe, so sei das gewesen, als er anfing, sich ohne Grund zu beschweren. „Oh, ich bin Pole“, habe er da gedacht. (pl-m)

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