Gesellschaft Gesundheit

Ernährung: Pferdefleisch-Betrug ist ein europäisches Problem

13. Februar 2013
NRC Handelsblad Amsterdam

Der Pferdefleisch-Skandal wird europäisch. Die EU-Länder schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter zu und lassen das eigentliche Problem außen vor: Geringverdiener sind zunehmend von billigem Fleisch abhängig.

Es begann als britisches und irisches Problem: Pferdefleisch in Rinderhack, und das ausgerechnet in einem Land voller Pferdenarren. Inzwischen ist es ein Lebensmittelskandal auf europäischer Ebene. Da das Pferdefleisch in britischen Fertigprodukten gefunden wurde, stammt es möglicherweise von Schlachthöfen aus anderen Teilen Europas.

Wie schon 2011 mit der EHEC-Bakterie, haben auch jetzt wieder die übereilten Schuldzuweisungen begonnen. Die europäische Fleischindustrie ist ein Milliardengeschäft: Kein Land will die Schummelei mit dem Fleisch in die Schuhe geschoben bekommen. Irland zeigt auf Polen, Polen dementiert. Schweden beschuldigt Frankreich, Frankreich verdächtigt Zypern, Rumänien und auch die Niederlande, jene Länder zu sein, in denen der Etikettenschwindel stattgefunden hätte.

Das Fleisch sei über fleischverarbeitende Betriebe wie Findus ins Land gekommen, ein Unternehmen, das Tiefkühlprodukte nach Großbritannien, Irland, Schweden, Norwegen, Finnland und Frankreich verkauft.

Pferde haben keine Ohrmarken

„Das Problem erstreckt sich über ganz Europa“, warnte Alan Reilly von der irischen Lebensmittelbehörde schon am vergangenen Freitag. Gestern sprach der britische Landwirtschaftsminister Owen Paterson von einer „internationalen kriminellen Verschwörung“.

Es ist nicht so, dass Pferdefleisch als solches ungesund ist. Der Aufschrei aus den pferdeverliebten Ländern kam nicht nur, weil, wie Reilly es im letzten Monat betonte, „in unserer Kultur kein Pferdefleisch gegessen wird“.

Es geht um die Tatsache, dass das Fleisch nicht zu einem Bauern oder Schlachthof zurückverfolgt werden kann. Schlimmer noch ist, dass unbekannt ist, wie es in die Tiefkühlprodukte gekommen ist und seit wann.

Justiz, Politik und Lebensmittelbehörden in den verschiedenen europäischen Ländern wollen das nun untersuchen. Das ist belangreich, da das Pferdefleisch den Wirkstoff Phenylbutazon enthalten könnte. Es wird bei Pferden im Fall von Gelenkschmerzen und Koliken eingesetzt. Phenylbutazon darf nicht Tieren verabreicht werden, die für den Verzehr gedacht sind, da es in sehr seltenen Fällen Anämie und Leukämie verursachen kann.

Aufgrund der Wirtschaftskrise werden aber immer mehr Pferde geschlachtet, und zwar nicht immer auf offiziellen Schlachthöfen. Pferde haben, im Gegensatz zu Kühen und Schafen, haben keine Ohrmarken. Daher ist es nicht immer klar, ob ein Pferd zum Verzehr geeignet ist.

Lebensmittelpreise in Großbritannien um 26 Prozent gestiegen

„Wenn Findus und Tesco keine sicheren Zulieferer für ihre Produkte haben, dann gibt es in diesem Sektor ein enormes Problem“, sagte der Ire Reilly am Freitag. Die Lebensmittelaufsichten von Großbritannien und Irland betonten, dass die Verantwortung für die Fleischkontrollen beim Hersteller und Supermarkt lägen. Die Ergebnisse der untersuchten Tiefkühlprodukte werden für den kommenden Freitag erwartet. Der britische Minister Paterson erklärte bereits, dass er sich auf „weitere schlechte Nachrichten“ einstelle.

„Doch das eigentliche Problem ist: Warum Pferdefleisch in Rinderhack?“, fragt Elizabeth Dowler, Professorin für Ernährung an der Warwick University und liefert die Antwort gleich mit: „Um möglichst billig zu bleiben.“ Die besagten Hacksteaks kosten bei Tesco und Iceland 13 Pence (15 Cent) pro Stück, die Tiefkühl-Lasagne von Findus um die 1,60 Pfund (1,35 Euro) pro 350 Gramm.

Die Preise für Nahrungsmittel sind in Großbritannien in den vergangenen fünf Jahren um 26 Prozent gestiegen. In Irland sind die Preise zwar weniger stark gestiegen, doch hat dort die Wirtschaftskrise zu einem ernsten Rückgang der Kaufkraft geführt.

„Das Problem hat mit Armut zu tun“

Auch der Preis für Rinderhack ist gestiegen. An diesem Morgen kostete ein Kilo auf dem Smithfield-Fleischmarkt in London maximal 770 Pence (7, 70 Pfund, 9 Euro). Im Februar 2007 war das Kilo noch für 560 Pence zu haben. „Um das Fleisch billig zu halten, gibt es Zusätze, und zwar nicht gerade gesunde Proteine“, sagt Professorin Dowler. Und Pferdefleisch sei nun einmal ein Fünftel billiger als Rindfleisch. Sie hat ernsthafte Zweifel, dass man „Qualitätsfleisch“ verwendet.

„Am meisten betroffen sind Menschen mit geringem Einkommen und vielen Kindern. Menschen, die sich kein qualitativ hochwertigeres Fleisch leisten können und nicht zum Metzger gehen, um es sich frisch zubereiten zu lassen. Menschen, die von zwei oder drei Sonderangeboten in der Woche abhängen“, sagt sie. „Es ist ein Armutsproblem.“

Für sie weiß der Verbraucher, was er kauft. „Aus meinen Untersuchungen geht hervor, dass die Familien mit geringem Einkommen sich bewusst sind, dass billige Ware nun einmal „Mist“ ist, Krise hin oder her. Aber sie haben keine andere Wahl“.

Sie äußert dennoch Zweifel, ob die Verbraucher wirklich wissen, wie die Waren produziert werden. „Die Geschichte vom Kind, das glaubt, Milch kommt aus dem Karton und nicht von einer Kuh, ist da so ein gutes Beispiel. Doch wer hat eine Vorstellung, wie die Milchindustrie wirklich funktioniert?“

Aus dem Niederländischen von Jörg Stickan

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