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Rumänien: Kleinkrieg um die Flagge

14. Februar 2013
România libera Bukarest

Marsch zu Ehren der Szekler-Flagge in Sfântu Gheorghe (Siebenbürgen), 8. November 2012

Marsch zu Ehren der Szekler-Flagge in Sfântu Gheorghe (Siebenbürgen), 8. November 2012

Die rumänische Regierung verpasst keine Gelegenheit, den Ungarn aus dem Szeklerland zu demonstrieren, wer das Sagen hat. Bestes Beispiel: Ein wahrer Flaggenkrieg zwischen Bukarest und manchen Präfekturen in Siebenbürgen.

In Frankreich, an der Grenze zur Schweiz sieht man an jeder Straßenecke und auf fast allen Haustoren noch einen Teil des historischen Wappens der Region Savoyen, nämlich ein weisses Kreuz auf rotem Hintergrund, das gleichzeitig auch die Nationalflagge des Nachbarlandes ist.

In Rumänien, auf der mittelalterlichen Burg von Alba Iulia, die vor beinahe 300 Jahren von Österreichern erbaut wurde und die später nach den Generalplänen wiederaufgebaut wurde, die am 18. April 1714 sogar von Prinz Eugen von Savoyen selbst abgesegnet wurden, findet fast wöchentlich ein „Staatsstreich“ statt. Immer dann nämlich, wenn die habsburgische Flagge der alten Burg zusammen mit den Flaggen der österreichischen Regimente der Artillerie und Kavallerie gehisst wird. In vielen Städten Siebenbürgens sieht man sogar auf vielen öffentlichen Gebäuden noch die alten Wappen aus der Zeit, als diese Provinz zur Doppelmonarchie Österreich- Ungarn gehörte...

Weder diese Symbole, noch die von Historikern rekonstruierten Zeremonien, die man in Alba Iulia betrachten kann, haben jemals die patriotischen Gefühle der rumänischen Amtsträger verletzt; dieselben Amtsträger sehen im Dorf Mihail Kogălniceanu, auf dem dortigen Militärstützpunkt voller Stolz zu, wie die rumänische Trikolore neben der amerikanischen Flagge im Wind flattert.

Ungarn Opfer „symbolischer Aggression“

Wenn aber die Flagge des Szeklerlandes in Siebenbürgen gehisst wird, so ist das eine Gefahr für die Rumänen, denn sie stellt angeblich die Herrschaft im Lande in Frage. Alle nach 1918 gedruckten Geschichtsbücher lehren uns, wie böse die Ungarn seien, wie viel Ungerechtigkeit den Rumänen in Siebenbürgen zu der Zeit ertragen mussten, als ihre Hauptstadt Budapest war, wie schwer es gewesen sei, gegen den Assimilierungsdruck der Ungarn Widerstand zu leisten. Die rumänischen Kinder von heute erfahren aus den Geschichtsbüchern weiterhin nur von den negativen Seiten der Ungarn, und dieses Wissen wird dann mit dem ergänzt, was sie in den Nachrichten sehen.

In derartigen Situationen liegt die Schuld immer bei den Ungarn, obwohl der Krieg der Flaggen dieses Mal vom neuen Mitte- links Präfekten (von der Sozialdemokratischen Partei PSD) entfacht wurde, der von der Regierung Ponta im Regierungsbezirk Covasna eingesetzt wurde: Codrin Munteanu hat die Flagge der Szekler aus dem Raum, wo er Ende letzter Woche vereidigt wurde, entfernen lassen, obwohl im November 2012 ein Gericht entschieden hatte, dass der Gebrauch dieser Flagge legal sei. Ihre Farben stimmen mit der Flagge des Regierungsbezirks Covasna überein, nämlich blau-gold, die per Regierungsbeschluss angenommen wurde.

Die Ungarn seien Opfer einer „symbolischen Aggression“ geworden, erklärte sogleich der ungarische Diplomat Zsolt Nemeth, Staatssekretär in der Budapester Regierung, der alle Bürgermeister in Ungarn dazu aufgerufen hat, die Flagge des Szeklerlandes als Geste des Protests gegenüber der Politik aus Bukarest zu hissen.

Sticheleien mit Tradition

Die Sticheleien auf Staatsebene zwischen Ungarn und Rumänen haben Tradition, aber es gibt auch bei den Mitte-links Regierungen die Gewohnheit, die Nationalisten auf beiden Seiten gegeneinander aufzubringen, als ob es sich unter dem Schirm der ethnischen Spannungen besser regieren lasse. Dieser diplomatische Vorfall vermag indes nicht darüber hinwegzutäuschen, dass es Steuererhöhungen gab, die Orthodoxe Kirche Riesenzuwendungen aus dem Staatshaushalt erhält, die Gaspreise gestiegen sind oder die Inflation gestiegen ist, aber er verändert den Fokus, indem er den Eindruck vermittelt, dass die „Ungarn Schuld seien“ an den Entwicklungen im Lande.

Innerhalb der Europäischen Union werden genug Spitzenpolitiker wieder behaupten, Rumänien sei zu früh in die Gemeinschaft aufgenommen worden – nicht nur, weil es die Korruption bei den Politikern nicht in den Griff bekommt, sondern auch weil die politischen Antworten in Rumänien zu Spannungen mit den Nachbarländern führen können, denn Pontas Antwort auf die „Gemeinheiten“ aus Budapest kann nur in diesem Sinne gedeutet werden...

Aus dem Rumänischen von Ramona Binder

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