Banken: Die irische Tragödie

Da ging's rund. Am 29. September hatte ein Bauunternehmer versucht, sich mit einem Betonmischer den Weg zum irischen Parlament zu bahnen.
Da ging's rund. Am 29. September hatte ein Bauunternehmer versucht, sich mit einem Betonmischer den Weg zum irischen Parlament zu bahnen.
1. Oktober 2010 – The Guardian (London)

Während die Zahlen der arbeitslosen und auswandernden Iren in die Höhe schnellen, soll die Rechnung für die irische Rettung der "toxischen" Banken bis zu 50 Milliarden Euro betragen – unglaubliche 32 Prozent des Nationaleinkommens. Wie ein großer Teil der Presse in Irland und in Großbritannien fragt der Guardian, ob der einstige keltische Tiger am Rande des Zusammenbruchs steht.

Von Griechenland über Japan bis zu den USA wurden Staaten in der ganzen Welt von der Bankenkrise heimgesucht. Doch keine Volkswirtschaft wurde so brutal zugrunde gerichtet wie die irische. Der einstige keltische Tiger musste zusehen, wie sein Nationaleinkommen in den letzten drei Jahren um 17 Prozent zurückging – die stärkste und schnellste Schrumpfung in einem westlichen Land seit der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren. Auf dem Höhepunkt des langen Konjunkturhochs von 1990 bis 2007 war Grundbesitz in Dublin mehr wert als in London. Seither sind die Preise um rund 40 Prozent gefallen – und sinken immer noch. Wenn es so weitergeht, hat das Land bald die zweifelhafte Ehre, die größte Immobilienblase und die größte Wirtschaftskrise der Neuzeit zu verzeichnen. Als die Finanzbranche 2008 witzelte, der Unterschied zwischen dem bankrotten Island und dem geldknappen Irland bestehe in einem einzigen Buchstaben, lagen sie falsch – der Schlamassel, in dem die Grüne Insel heute steckt, ist noch viel schlimmer.

Und die ganze Zeit versprachen die Minister in Dublin den Wählern, alles werde bald besser sein. Die Notkredite an die Banken – die brächten alles in Ordnung. Die grausamen Ausgabenkürzungen – das sei die Lösung. Die Entscheidung, so ziemlich das ganze Bankensystem abzusichern (und zwar praktisch ohne Fragen zu stellen) –

sei nun aber ganz bestimmt die richtige. Falsch, falsch, falsch. Wie ein Körper, der von einem Wolkenkratzer herunter fliegt, fiel die irische Wirtschaft immer weiter in die Tiefe.

Gestern haben sie es wieder getan. Der irische Finanzminister Brian Lenihan versprach den Wählern, der nationale "Albtraum", mit dem sie seit ein paar Jahren leben müssen, werde bald vorbei sein: "Wir bringen das jetzt zum Abschluss." Die Finanziers, die jedes Mal, wenn Lenihan einen anderen unklugen Plan vorbrachte, schon ähnliche Worte von ihm hörten, überzeugte er jedenfalls nicht. Sogar gemessen an den früheren Wagnissen des Ministers ist der Einsatz diesmal enorm. Der gestrige Rettungsplan umfasst die Anglo Irish [Bank], die Lieblingsbank der Bauträger, sowie Allied Irish und Irish Nationwide – und soll das Haushaltsdefizit von rund 12 Prozent des Volkseinkommens auf unfassbare 32 Prozent erhöhen.

Warum ein Land Pleite geht

Wenn ein Land auf so spektakuläre Weise Pleite geht, dann gibt es bestimmt alle möglichen Gründe. Dazu gehört hauptsächlich ein blindes Vertrauen auf die Immobilienpreise – weil einem das ein gutes Gefühl gibt und auch gute Staatseinnahmen einbringt. Sobald die Blase platzte, krachten die Einnahmen zusammen. In anderen Bereichen können die politischen Entscheidungsträger behaupten, dass sie sich einfach an die internationale Orthodoxie für wirtschaftlichen Erfolg gehalten haben – ausländisches Kapital anziehen wo es nur geht, die eigenen komparativen Vorteile nutzen (was in Dublin wie in Rejkjavik als Finanzwesen angesehen wurde) und offen bleiben. Doch eine der Lektionen dessen, was Gordon Brown einmal "die erste Krise der Globalisierung" nannte, besteht darin, dass eine Betriebsbereitschaft um jeden Preis für kleine Länder mit einer homogenen Volkswirtschaft nicht so gut funktioniert. Und mit verschlafenen Entscheidungsträgern erst recht nicht.

Wie Pete Lunn vom Dubliner Economic and Social Research Institute (Institut für wirtschaftliche und soziale Forschung) bemerkt, hält die Elite an der Spitze der irischen Wirtschaft geschlossener zusammen als die beiden Hälften einer Auster – so dass der führende Funktionär im Finanzministerium normalerweise erwarten würde, dass auf seine Amtszeit ein Abstecher als Oberhaupt der Zentralbank folgt. Die Entscheidungsträger scheuten sich, die Immobilienblase eine Blase zu nennen, bis sie geplatzt war. Und als sie geplatzt war, akzeptierten sie zu schnell die Behauptungen der Banker, dass es ihnen nur an Liquiditäten fehlte und sie nicht schlichtweg pleite waren. Sie taten das, was der IWF empfahl und setzten einige der aggressivsten Etatkürzungen aller Zeiten durch – mit dem Ergebnis, dass fast jeder sechste Arbeiter heute keine Stelle und ein weiterer Konjunkturabschwung begonnen hat.

Es gibt Ähnlichkeiten mit anderen Ländern: Da muss man nur Gordon Brown fragen. Der große Unterschied zu Großbritannien liegt allerdings darin, dass Irland als Mitglied des Euro-Clubs seine Währung nicht unilateral abwerten kann. Sein einziger Weg zurück in die Wettbewerbsfähigkeit ist eine Senkung des Lebensstandards der Arbeiter. Und das bedeutet, ganz gleich was Lenihan behauptet, dass die irische Wirtschaft noch weiter abfallen muss. (p-lm)

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