Island: Wohlstand durch Kunst

22. März 2013
El País Madrid

Das Elektro-Festival „Sónar 2013“ im Harpa in Reykjavík. Februar 2013.
Das Elektro-Festival „Sónar 2013“ im Harpa in Reykjavík. Februar 2013.

Island ist in der Krise nicht auf Sparkurs gegangen. Island hat einen New Deal für die Kunst eingeführt. Heute ist die Kreativwirtschaft der zweitgrößte Wirtschaftszweig der Insel. Ein Beweis, dass es Alternativen jenseits der Bankenrettung gibt.

Oft wurde der finanzielle Zusammenbruch des Inselstaats 2008 als ein Vorzeichen der europäischen Kkrise gedeutet. Es lohnt sich aber auch, die Lösungen näher zu betrachten, die das Land entwickelt hat.

Im Gegenteil zu Südeuropa, wo im Zuge der Sparpakete die Kulturhaushalte gnadenlos gekürzt wurden, hat sich dieses Land mit 320.000 Einwohnern und der Fläche Portugals der Kreativwirtschaft zugewandt. Der Beitrag dieser Aktivitäten (rund 1 Milliarde Euro) zur Wirtschaftsleistung ist heute höher als der Anteil der Landwirtschaft. Nur der Export von Kabeljau (und anderen Fischen und Meeresfrüchten), der größte Wirtschaftszweig Islands, bringt heute noch mehr ein.

Diese Wende ist einer kleinen 37-jährigen Frau – der Kulturministerin – zu verdanken, die sich vier Jahre lang für die Kultur- und Kreativwirtschaft eingesetzt hat und nicht zulassen wollte, dass die Regierung sich fragt: „Warum sollen wir den Künstlern Geld geben?“ Sie hat aus den Künstlern die Protagonisten einer Lösung gemacht, mit deren Hilfe der Rezession ein Ende gesetzt werden konnte.

Mit Kunst aus der Krise

Heute beträgt die Arbeitslosenquote 5,7 Prozent und die Wirtschaft legt jährlich um 3 Prozent zu. Es stimmt, dass die Währung abgewertet wurde und die Banken ihre Schulden im Ausland nicht beglichen haben. Dennoch ist der Großteil dieses Erfolgs dem erfolgreichen künstlerischen New Deal zu verdanken.

Nichtsdestotrotz kann sich alles am 27. April dieses Jahres ändern, wenn Island die ersten Wahlen seit 2009 abhält. Das Gedächtnis der Menschen ist kurz. Die konservative Partei, die am Ruder stand, als das Land Schiffbruch erlitt (der Börsenindex ging um 90 Prozent und das BIP um 7 Punkte zurück), ist heute den Umfragen zufolge wieder sehr beliebt. Mit der Koalition aus der Links-Grünen Bewegung und der Sozialdemokratischen Allianz der Premierministerin Jóhanna Sigurdardóttir (die erste Frau in diesem Amt) sieht es schlecht aus.

Katrín Jakobsdóttir, Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur und wohl das charismatischste Mitglied dieser Regierung, gibt es offen zu. Sie zeigt auf das beeindruckende Harpa-Gebäude, das hochmoderne Konzert- und Opernhaus im Hafen von Reykjavik, das man von ihrem Büro aus sehen kannt. Als die Finanzkrise ausbrach, wurde das Vorhaben eingefroren. Sie war entschlossen, es in eine Metapher ihrer Aufgabe zu verwandeln: Wohlstand durch die Förderung der Künste.

Ein Mekka der Musik

„Wir betrachten die Kultur als Grundlage der Kreativwirtschaft, die heute einen immer größeren Beitrag zum BIP der Länder leistet. Als ich zur Ministerin ernannt wurde, war die Kultur für mich der Rettungsring, von dem unser Überleben abhängt. Ich wollte meinen Mitbürgern vor Augen führen, dass die Kultur ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor ist. Sie erwirtschaftet so viel wie die gesamte Aluminiumindustrie.“

Angesichts der Krise baute die Regierung einen Teil der Strukturen ab. Sie strich Planstellen in den Ministerien und reduzierte die Kosten. Gleichzeitig erhöhte sie allerdings auch die Hilfsgelder für unabhängige Kulturprojekte. Eine geschickte öffentlich-private Mischung, in deren Rahmen der Staat niemals die Oberhand über die Verwaltung von Kultur und Bildung verliert.

Die Musikszene spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen (vor allem in den Dörfern) spielen ein Instrument und lernen Musiktheorie. So entstanden Dutzende von auch international erfolgreichen Musikgruppen. Touristen scheinen vor allem von der isländischen Landschaft angezogen zu sein. Aber 70 Prozent der jungen Menschen kommen einer kürzlich durchgeführten Umfrage zufolge wegen der Musik auf die Insel.

Kostenlos Filme drehen

Das wusste man bereits 2006, als die Agentur für Musikexport unter der Leitung von Sigtryggur Baldursson, dem ehemaligen Schlagzeuger der Sugarcubes, gegründet wurde. Mit den Sugarcubes und der Sängerin Björk erlangte die isländische Popmusik über die Grenzen ihrer Heimat hinaus internationale Bekanntheit. Letztes Jahr sollen 43 isländische Bands im Ausland aufgetreten sein.

Gleichzeitig verzeichnet die Software- und Videospielindustrie ein exponentielles Wachstum. „Sie ist mit der Kultur verwandt und beschäftigt viele Illustratoren“, erklärt die Ministerin.

Im Rahmen eines neuen Gesetzes werden zudem Filmproduzenten die Filmkosten für die in Island gedrehten Szenen erstattet. Ridley Scott drehte hier Prometheus und Darren Aronofsky den Film Noah.

Allianz von Naturschützern und Computerfreaks

Bereits vor Ausbruch der Krise, als der Champagner noch in Strömen floss, wurden Stimmen laut, die eine solche Lösung forderten. Andri Magnason klagte in seinem 2006 erschienen Buch Dreamland: A self-help manual for a frightened nation [Traumland: Selbsthilfe für eine verängstigte Nation] ein Wirtschaftsmodell an, das nur auf Spekulation beruht.

„In den Boomjahren konzentrierte die Regierung ihre Bemühungen auf die Expansion der Banken sowie den Ausbau der Aluminiumschmelzen und der Wasserkraftwerke, die die Landschaft zerstörten. Einige strebten jedoch ein Wirtschaftssystem an, das auf der Kreativität und nicht auf leicht verdientem Geld beruht.“ So begann eine außergewöhnliche Allianz zwischen den Naturschützern und „den Computerfreaks“, erinnert sich Andri Magnason.

Björk und weitere Schlüsselfiguren der Insel unterstützten diese Ideen. „Als die Krise ausbrach, entstand eine Bewegung, an der viele junge Menschen teilnahmen.“ In einem alten Fabrikgebäude in einem Vorort von Reykjavik, dem „Ministerium der Ideen“, trafen sich Arbeitsgruppen.

Modell für Europa

Auch der Staat spielte eine wichtige Rolle. „Die Theater verzeichneten ein hohes Wachstum, der Literaturmarkt florierte (60 Schriftsteller wurden ein ganzes Jahr lang unterstützt), es wurden mehr Filme gedreht, die Musikszene konnte sich entwickeln. Die staatliche Unterstützung der Kultur hat gleichzeitig der Wirtschaft geholfen. Kunst ist kein Parallelprojekt, sie ist die Voraussetzung für eine gesunde Wirtschaft“, so Andri Magnason.

Und warum wollen die Wähler jetzt lieber wieder für die konservative Partei stimmen? „Sie vermissen ihre Range Rover“, erklärt der Musiker Ólafur Arnalds in einem Café in Reykjavik.

Bleibt die Frage, ob dieses Modell in Länder wie Spanien oder Italien, die mit einer sehr viel größeren Bevölkerung auch entsprechend mehr Probleme haben, exportiert werden kann. Andri Magnason ist davon überzeugt: „Dieses Modell kann in den meisten Ländern umgesetzt werden. In Europa, besonders in Italien und Spanien, haben die jungen Menschen nichts in der Hand oder sind in so extremen Situationen, dass weder der Staat noch die Industrie ihre Rolle definieren können. Deshalb können sie ihre volle Kreativität nicht ausschöpfen.“

Aus dem Spanischen von Claudia Reinhardt

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