Medien : Die eurofeindlichen Enten der Boulevardpresse

9. April 2013
Mladá Fronta DNES Prag

Die Europäische Union legt fest, wie krumm Gurke sein dürfen, verbietet Frisösen, Absatzschuhe zu tragen, und finanziert sogar einen Pornofilm! Von diesen und anderen Mythen über die Entscheidungen, die Brüssel so trifft, gibt es nicht nur unendlich viele, sondern vor allem sind sie falsch. Und meistens stammen sie aus ein und der gleichen Feder: Den britischen Boulevardblättern. Auszüge.

Erinnern Sie sich noch an die Epoche, in der frittiertes Backwerk aus den Regalen verschwand und durch knittrige und triefende Tütchen ersetzt wurde, in denen sich vorgestern noch so etwas wie frische Krapfen hätte befinden können, wenn man sie nicht in Kunststofffolie eingewickelt hätte? Angeblich habe die Europäische Union diese gefordert, erklärten damals die Händler. Falsch! Dies ist ein Mythos.

Mein ganz persönlicher Lieblings-Euro-Mythos ist die Geschichte der Finanzierung des Films des Pornokönigs Robert Rosenberg. Genau hier wird nämlich der Schneeballeffekt besonders deutlich: Eine Information wird zur vorherigen hinzugefügt und führt zu folgendem Ergebnis: „Noch eine dieser Faxen der Europäischen Union!“Macht doch nichts, dass davon nur etwa zehn Prozent wahr sind.

Wie entsteht ein Euro-Mythos?

Der sozialdemokratische EU-Abgeordnete, Pavel Poc, interessiert sich für die Frage, wie solche Mythen um die Entscheidungen der EU entstehen. Er sammelt und dekonstruiert sie. Er legt ihre Mechanismen frei und versucht zu verstehen, wie anhand dieser die gesamte Geschichte erklärt werden kann. Seine Sammlung birgt wahre Schätze. Da gibt es zum Beispiel den Mythos, der besagt, die EU würde die Größe von Kondomen bestimmen. Auf seiner Suche nach dem Ursprung dieser Euro-Mythen, ist er meist auf folgende Quelle gestoßen: Die britischen Medien.

Pavel Pocs Analysen zufolge „entsteht [ein Euro-Mythos] normalerweise so: Ein britisches Boulevardblatt greift sich eine Information aus irgendeiner neuen EU-Direktive oder der aktuellen Ereignisse in Brüssel heraus und verwandelt sie in eine reizvolle und explosive Schlagzeile, die anschließend von ausländischen Journalisten aufgegriffen wird. [...] Teilweise liegt das auch daran, dass ihre Übersetzungen oft ungenau sind und [die Berichterstatter] die Schlagzeile zudem noch von Lokalpolitikern kommentieren lassen. Diese gefallen sich wiederum in der Rolle des Kritikers der Europäischen Union und prangern alles an, was ihnen zwischen die Beißerchen kommt. Und schon ist die Sache geritzt.“

1. Mythos: Die EU finanziert Pornofilme

„Unglaublich! Während Krankenhäuser und Schulen meist immense Schwierigkeiten haben, ein paar Cents von der EU zu ergattern, um in ihre Grundausstattung zu investieren, erhielt der pensionierte Pornodarsteller Robert Rosenberg EU-Hilfen, um einen Dokumentarfilm über sein Leben als Harder zu drehen“, schrieb ein tschechisches Boulevardblatt im September 2012. Das Internetportal Parlamentní listy goss anschließend ein wenig Öl ins Feuer und fragte tschechische Politiker, was sie von dieser skandalträchtigen Information halten. Was diese antworteten? Viele von ihnen schienen nicht einmal überrascht zu sein und wiesen im Grunde genommen nur darauf hin, dass die Europäische Union sowieso ein unheimliches Chaos ist.

Wie aber sieht die Wirklichkeit aus? Über ihr Medienprogramm unterstützt die EU die Kinoproduktion. Die einzige Verbindung zwischen dem ehemaligen Pornodarsteller und der EU ist demnach folgende: Seine Filme verkaufen sich in der [Union] noch immer. Und vielleicht liegt es auch ein bisschen daran, dass damals in der Slowakei ein Dokumentarfilm über das Leben des pensionierten Porno-Königs Rosenberg in Planung war und sich die Regisseurin des Dokumentarfilms bei zwei europäischen Workshops angemeldet hatte. Allerdings wurde ihre Teilnahme am ersten abgelehnt und sie entschied anschließend selbst, die geplante Filmvorführung beim zweiten abzusagen. Und das ist auch schon alles.

2. Mythos: Frisösen dürfen keine Hackenschuhe mehr tragen

Ein weiterer Scoop, der es in sich hat: Im April 2012 geisterte eine Nachricht auf tschechischen Internetseiten herum: Brüssels Beamte sind dabei, eine neue Direktive auszuarbeiten, welche die Freiheit von Frisösen einschränkt. Aus Sicherheitsgründen – so schien es – würden sie keine Absatzschuhe mehr tragen dürfen. In Wirklichkeit gab es gar keine solche Direktive. „In Brüssel fand lediglich ein Treffen der Friseur-Arbeitgeberverbände statt, bei dem die Meister und Gewerkschaften zusammenkamen, um gemeinsam ein Abkommen zu erarbeiten, das die Arbeitsbedingungen für Friseure [und Frisösen] verbessern sollte.

Die britischen Boulevardblätter haben diese Nachricht sofort aufgegriffen und sie reichlich aufgeblasen. Genau auf diesem Weg gelangte die Information auch in die Tschechische Republik“, schreibt Pavel Poc, der anschließend eine E-Mail des tschechischen Frisörvereins erhielt, der ihn darum bat, dieser absurden Geschichte ein Ende zu bereiten. Und das obwohl dieser Verein zu jenen gehörte, die das Abkommen unterschrieben hatten. Allerdings erkannte er die Information nicht wieder, nachdem sie von Brüssel den Umweg über London genommen hatte, um letztendlich in Prag zu landen.

3. Mythos: Verbot von zu krummen Gurken und Bananen

Von nun an darf die Krümmung der Gurken, die zum Verkauf zugelassen werden, nicht mehr als zwanzig Grad betragen. Der Grund: Damit es dem Konsumenten leichter fällt, sich auszurechnen, wie viele in jeder Kiste stecken. Aber vor allem, um mehr von ihnen hineinpacken zu können. Unter dem Druck der Gemüse- [und Obst]gärtner wurden die Landesnormen harmonisiert. Von nun an werden die geradesten Gurken und Bananen einer anderen Kategorie angehören als ihre krümmeren Kollegen. Ähnliche Standards dienen beispielsweise zur Bestimmung von Schwermetallhöchstwerten in Lebensmitteln. Tatsächlich regelten die Staaten genau diese Aspekte aber auch vorher: Mit ihren eigenen nationalen Standards. Was kürzlich geschah ist nur eine Harmonisierung.

Und das schutzverpackte frittierte Backwerk? Falscher Alarm! Die Europäische Union hat nur angeordnet, dass der Verbraucher die Möglichkeit bekommen muss, neben frischem Backwerk auch abgepacktes Zuckerwerk kaufen zu können. Nur um sicherzugehen, dass sein Leckerbissen nicht vorher von fremden Händen berührt wurde. Nichts weiter. Als die Wahrheit bekannt wurde, haben die Verkäufer des frittierten Backwerks diese wieder aus ihrer Verpackung geholt.

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