Sprachen: Gemeinsam gegen die Übermacht des Englischen

15. August 2013
România libera Bukarest

Englisch ist die neue Lingua franca. Die zunehmende Begeisterung vieler Europäer für das Englische sieht ein rumänischer Intellektueller kritisch und wirbt für den Erhalt der Nationalsprachen.

Erst vor wenigen Monaten schrieb ich über die gefährliche Lage, in die die rumänische Sprache im eigenen Land geraten ist. Und das nicht etwa, weil die Zahl der Sprecher zurückgegangen ist – aufgrund von rückläufigen Geburtenzahlen oder wegen der massiven Auswanderung der Rumänen – sondern wegen der aktuellen Bestrebungen in der Bildungspolitik des Landes.

So müssen Förderanträge bei post-doktoralen Forschungsvorhaben ausschliesslich in englischer Sprache eingereicht werden und wissenschaftliche Beiträge werden nur dann entsprechend geschätzt, wenn sie in einer Fachzeitschrift im Ausland, in einer der internationalen Verkehrssprachen erscheinen.

Ignoranz der eigenen Sprache

Diese Praxis hatte und hat teilweise immer noch ein stetig wachsendes Desinteresse für wissenschaftliche Veröffentlichungen aus Rumänien in rumänischer Sprache zur Folge, was mittel und langfristig auch zu einer Herabwürdigung der rumänischen Sprache in den Kreisen der intellektuellen Elite in unserem eigenen Land geführt hat.

Derartige Perioden hat Rumänine schon öfters durchlebt. So verachteten die Bojaren (Großgrundbesitzer) zur Zeit des Schriftstellers Alecu Russo [1819-1959) alles Rumänische zutiefst, indem sie ausnahmslos alles nachahmten, was in den Machtzentren der damaligen Zeit angesagt war: in Paris, Moskau, Istanbul.

[Die Novellenfigur] der Coana Chirita aus den Schriften eines Vasile Alecsandri kopierte ihrerseits alles Französische und der liberale Aufruhr in den Stücken von Ion Luca Caragiale entlarvte die „inhaltsleere” Lächerlichkeit, sich stets den Moden des Westens anpassen wollen.

Gegen Ende des letzten Jahrhunderts war der Historiker Nicoale Iorga die treibende Kraft bei einer vielbeachteten Demonstration in Bukarest zu einem Zeitpunkt, als die Lage eines Großteils der rumänischen Nation aus Unwissenheit oder Zynismus geflissentlich ignoriert wurde und die herrschende Elite lieber französischsprachige Theateraufführungen kultivierte, wobei das Interesse für das nationale Theater nur zweitranging war.

Eine solche Kritik gilt in anderen Länder und Kulturen weder als rückständig noch gar anti-westlich.

Wenn ich heute auf dieses Thema zurückkomme, dann weil die übertriebenen Anpassungsversuche, die den Anschluss an die großen Errungenschaften der Globalisierung nicht verhindern sollen, auch in anderen Teilen Europas kritisiert werden, eben weil sie das Tempo und das rechte Maß solcher Anleihen in der nationalen Dynamik ignorieren. Eine solche Kritik gilt in anderen Länder und Kulturen weder als rückständig noch gar anti-westlich.

Anglizisierung ist kein Vorteil

Das Informationsschreiben Nr. 50 des Europäischen Forums für Mehrsprachigkeit für die Monate Juli- August 2013, informiert über die Tatsache, dass der Kampf für die Mehrsprachigkeit und gegen die ungesunde Dominanz der Hegemonialsprachen aktuell nicht nur in Rumänien, sondern auch in anderen Teilen der Welt als in Rumänien ausgetragen wird.

Nachdem das Polytechnische Institut Mailand in diesem Frühjahr beschlossen hatte, dass die Master- und Promotionsabschlüsse im Namen der Internationalisierung des Studienangebotes und der Wettbewerbsfähigkeit der italienischen Universitäten nur noch in englischer Sprache abzulegen seien, hat das Verwaltungsgericht der Region Lombardei geurteilt, dass die Qualität des Studiums keineswegs von der Benutzung der englischen Sprache abhängig sei und dass die Lehre und das Lernen in einer einzigen Fremdsprache keineswegs schon Internationalisierung garantierten und dass die Verbannung der eigenen Sprache aus der Lehre weder notwendig noch angebracht sei.

Das selbe Gericht hat des Weiteren erläutert, der den Professoren auferlegte Zwang, in englischer Sprache zu unterrichten, so gelte das seitens des Polytechnischen Instituts als übertriebene Einschränkung und laufe der Freiheit der Lehre zuwider. Der selben Logik folgt die Tatsache, dass nicht alle italienischen Studenten in den Genuss kommen könnten, die Kenntnisse zu erlangen, die in der Fremdsprache angeboten würden. Dies stelle eine Einschränkung des Rechts auf ein Studium dar, welches von der Verfassung geschützt wird.

Im selben Schreiben stellt das Forum für Mehrsprachigkeit fest, dass im Wege der um sich greifenden Anglizisierung der eigenen Hochschulbildung, auch Deutschland mittlerweile zwar 10% seiner Master- und Promotionsprogramme auf die Englische Sprache umgestellt hat und somit viel größere Fortschritte aufzuweisen hat als Frankreich und Italien, aber immer noch stark hinter den skandinavischen Ländern und der Niederlande zurückliegt, die mit dieser Praxis schon jahrzehntelange Erfahrung haben.

Andere Länder verhalten sich sprachbewusster

Folglich hat man sich auch in Deutschland schon Gedanken über die unerwünschten Nebenwirkungen dieser Praxis gemacht und hat festgestellt, dass die ausländischen Absolventen Schwierigkeiten haben, sich in das deutsche Wirtschaftsleben zu integrieren. Dabei wäre gerade in diesem Bereich aufgrund der raschen Alterung der Gesellschaft eine dringende Erneuerung bei den hochqualifizierten Arbeitnehmern vonnöten.

Ein anderer Grund für die Beschränkung der Dominanz des Englischen im deutschen Bildungswesen und in der Forschungslandschaft ist die Qualität der Forschung im eigenen Land. Man geht davon aus, dass jenseits aller Vorteile, die die Verbesserung des internationalen Zugangs zu eigenen wissenschaftlichen Forschungsergebnissen mit sich bringt, die deutsche Sprache gut aufgestellt ist, um erfolgreiche Forschungsarbeit in allen Bereichen zu ermöglichen.

Frankreich hat im Wettbewerb mit Deutschland ähnliche Programme aufgelegt, um bei der Anwerbung ausländischer Studierender attraktiver zu werden – insbesondere für die jene aus China.

Heute muss es feststellen, dass viele von ihnen sehr gut französisch sprechen oder die Sprache gerne erlernen möchten. Erst die französische Nationalversammlung, dann der Senat haben beschlossen, dass die Dominanz des Englischen im Hochschulwesen überprüft werden müsste und jene, die ihr Studium auf Englisch begonnen haben, es auf Französisch werden beenden müssen.

Schliesslich hat man im Rahmen des Programms Language Rich Europe unter der Federführung des British Council die dominante Stellung des Englischen zur Kenntnis genommen und einen Bericht über die Sprachensituation in Europa verfasst, wo sehr akkurat eine Bestandsaufnahme der Lage gemacht wird, wodurch eine Reihe von Vorurteilen ausgeräumt werden konnten und eine positive Haltung zur Mehrsprachigkeit eingenommen wird.

Sprachpatriotismus ohne nationalistische Töne

Wir kämpfen dafür, dass die rumänische Sprache die ihr – zumindest im eigenen Land – gebührende Würde und Wertigkeit wieder erlangt

Wir kämpfen dafür, dass die rumänische Sprache die ihr – zumindest im eigenen Land – gebührende Würde und Wertigkeit wieder erlangt, ohne dabei die Bedeutung der Kenntnis und des Gebrauchs der internationalen Verkehrssprachen schmälern zu wollen.

Dadurch möchten wir dazu beitragen, die negativen Auswirkungen der Globalisierung richtig zu bemessen und gleichzeitig für unser unschätzbares immaterielles Erbe einzustehen, das es verdient hat, in seinem gesamten Reichtum weitergetragen zu werden.

Dies ist eine Möglichkeit, den Patriotismus zu rehabilitieren, ohne ihn zu einem nationalen Fetisch zu erheben, ohne ihn als Ersatz für den Wert der Wahrhaftigkeit unserer wissenschaftlichen Beiträge zu betrachten und ohne uns zu parteipolitischen Demagogen zu machen, sondern indem wir uns für das Wohl unserer heimischen Kultur und Gesellschaft und damit auch für das Wohl Europas ganz allgemein einsetzen.

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