WikiLeaks: Rächende Hacker und Spione in der Kutsche

2. Dezember 2010
Libération Paris

Für den Schriftsteller und Intellektuellen Umberto Eco lehrt die WikiLeaks-Affäre zweierlei: die heuchlerische Beziehung zwischen Staat, Bürgern und Presse, und die baldige Rückkehr zu altmodischen Kommunikationswegen.

Die WikiLeaks-Affäre hat zweierlei Bedeutung: Zum einen entpuppt sie sich als Scheinskandal: Ein Skandal, der nur durch die Scheinheiligkeit der Beziehungen zwischen Staaten, Bürgern und Presse zum Skandal werden kann. Zum anderen läutet die Affäre grundlegende Veränderungen auf internationaler Ebene ein und gibt einen Vorgeschmack auf eine vom Rückschritt geprägte Zukunft.

Gehen wir jedoch der Reihe nach vor. Ein erster Aspekt: WikiLeaks bestätigt, dass jede Geheimdienstakte (aus welchem Land auch immer) ausschließlich aus Zeitungsausschnitten besteht. Die „außerordentlichen“ amerikanischen Enthüllungen über die sexuellen Gewohnheiten von Berlusconi enthalten im Grunde nichts anderes als was seit Monaten in jeder beliebigen Zeitung zu lesen war (mit Ausnahme der, die Berlusconi selbst besitzt.) Und das unheilvoll karikaturistische Porträt von Muammar al-Gaddafi diente schon seit geraumer Zeit Kabarettkünstlern als Lacher.

Geheime Akten beinhalten notwendigerweise bekanntes

Die Regel, dass Geheimakten nur bekannte Informationen enthalten dürfen, ist für die Dynamik der Geheimdienste grundlegend. Und das nicht erst seit diesem Jahrhundert. Gehen Sie in eine Esoterik-Bücherei. Da werden Sie sehen, dass jedes Werk genau das wiederverwendet (über den Gral, die Legende von Rennes-le-Château, die Tempelritter oder die Rosenkreuzer), was bereits in einem vorherigen Buch steht. Der Grund dafür ist nicht nur, dass der Autor der geheimen Texte eine Abneigung gegenüber neuen Recherchen hat (und auch nicht, weil er nicht weiß, wo er Neues zum Nicht-Existierenden finden könnte). Vielmehr glaubt, wer sich dem Okkultismus weiht, nur an das, was er bereits weiß.

Er braucht etwas, was ihm das bestätigt, was er bereits gelernt hat. Das ist das Erfolgsrezept von Dan Brown. Und genauso läuft das auch mit den Geheimakten. Der Informant ist faul. Und faul (oder geistig begrenzt leistungsfähig) ist auch der Geheimdienstchef (sonst könnte er ja auch – was weiß ich – Redakteur bei Libération sein). Er hält nur das für wahr, was er (wiederer)kennt. Die Top-Secret-Informationen über Berlusconi, welche die amerikanische Botschaft in Rom an das US-Außenministerium schickte, waren die gleichen, die Newsweek eine Woche vorher veröffentlicht hatte.

WikiLeaks verletzte die Scheinheiligkeits-Pflicht

Warum hat die Enthüllung dieser Akten also so viel Wirbel gemacht? Einerseits sagen sie nur, was jeder gebildete Mensch sowieso weiß; dass die Botschaften, abgesehen von einigen wenigen repräsentativen Aufgaben, ihre diplomatische Funktion verloren und sich zu Spionage-Zentren entwickelt haben – zumindest seit dem Zweiten Weltkrieg, und seitdem die Staatschefs sich anrufen oder das Flugzeug nehmen können, um gemeinsam zu Abend zu essen. Jeder, der einmal einen Thriller gesehen hat, weiß das nur zu gut. Und es ist pure Scheinheiligkeit so zu tun, als hätte man von nichts gewusst.

Allerdings greift das laute Aussprechen dieser Tatsache in der Öffentlichkeit die Scheinheiligkeits-Pflicht an, und dient dazu, die amerikanische Diplomatie in ein schlechtes Licht zu rücken. Zweitens ist der Gedanke, dass irgendein Hacker die geheimsten Geheimnisse des mächtigsten Landes der Welt ausspionieren kann, ein ordentlicher Schlag für das Ansehen des US-Außenministeriums. Beutelt dieser Skandal die Opfer in diesem Sinne nicht ebenso sehr wie die „Täter“?

Big Brothers Erbe: alle kontrollieren alle

Kommen wir aber zur tiefgründigen Bedeutung dessen, was geschehen ist. Zu Zeiten Orwells konnte man jegliche Macht als Big Brother wahrnehmen, der jede Regung seiner Subjekte kontrollierte. Mit der möglichen Überwachung von Telefonanrufen, Transaktion, Hotelbesuchen und Autobahnnutzungen hatte sich die Orwellsche Prophezeiung gänzlich bewahrheitet: Der Bürger war zum totalen Opfer des Auges der Macht geworden. Wird jedoch – wie jetzt – offensichtlich, dass sich selbst die Krypten der machtvollsten Geheimnisse nicht mehr der Kontrolle eines Hackers entziehen können, dann wird nicht mehr nur aus einer Richtung kontrolliert. Vielmehr ist die Kontrolle jetzt kreisförmig. Die Mächtigen kontrollieren jeden Bürger. Aber jeder Bürger, oder zumindest jeder Hacker, der vom Bürger zum Rächer erwählt wurde, kann etwas über die Geheimnisse der Mächtigen erfahren.

Wie kann sich eine Macht halten, wenn sie ihre eigenen Geheimnisse nicht mehr verborgen halten kann? Was Georg Simmel einst sagte, ist richtig: Ein wirkliches Geheimnis ist ein leeres Geheimnis (und ein leeres Geheimnis kann niemals gelüftet werden). Es ist wahr, dass jede Kenntnis der Eigenschaften Berlusconis und Merkels ein vom Geheimen geleertes Geheimnis ist. Schließlich spielt sich das Ganze im öffentlichen Raum ab. Wie WikiLeaks das zu enthüllen, dass die Geheimnisse Hilary Clintons leere Geheimnisse sind, heißt ihr jede Macht zu nehmen. WikiLeaks hat weder Sarkozy noch Merkel Schaden zugefügt. Dafür umso größeren Clinton und Obama. Welche Folgen wird diese Verletzung einer so einflussreichen Macht haben?

Regierungsagenten in Kutschen mit auswendig gelernten Nachrichten

Es ist klar, dass die Staaten in Zukunft keine vertrauliche Information mehr online stellen können. Dann könnten sie auch gleich an der Straßenecke ein Plakat aufhängen. Klar ist auch, dass es zwecklos ist sich einzubilden, man könne mit den heutigen Technologien noch vertrauliche Telefongespräche führen. Nichts ist einfacher, als herauszufinden, ob und wann ein Staatschef ein Flugzeug genommen, oder einen seiner Kollegen kontaktiert hat. Wie wird man in Zukunft private und geheime Beziehungen unterhalten können? Natürlich weiß ich, dass meine Prognosen eher in den Bereich der Science-Fiction fallen und einem Roman gleichen.

Aber ich kann nicht anders: Mir schweben Regierungsagenten vor, die sich unauffällig in Kutschen mit unkontrollierbaren Reiserouten bewegen. Sie fungieren ausschließlich als Übermittler auswendig gelernter Nachrichten. Die nur selten schriftlich verfassten Informationen verstecken sie allenfalls im Absatz ihrer Schuhe. Und nur eine einzige Kopie der Informationen wird in verschlossenen Schubfächern aufbewahrt: Im Grunde genommen war der Watergate-Spionage-Versuch weniger erfolgreich als WikiLeaks.

Fortschritt im Krebsgang

Ich habe bereits geschrieben, dass die Technologie im Krebsgang voranschreitet, heißt sich rückwärts entwickelt. Ein Jahrhundert nachdem der kabellose Telegraf die Kommunikation revolutioniert hat, hat das Internet wieder einen (Telefon-)Kabel-Telegrafen hergestellt. Mit (analogen) Videokassetten konnten wir die Filme Schritt für Schritt untersuchen, sie vorwärts- und rückwärts spulen, um alle Geheimnisse des Filmschnitts zu erforschen. Mit den heutigen (digitalen) CDs können wir nur noch von Kapitel zu Kapitel springen, heißt Makroschritte machen. Mit den Hochgeschwindigkeitszügen reisen wir in drei Stunden von Rom nach Mailand, während wir mit dem Flugzeug und den dazugehörigen Fahrwegen dreieinhalb Stunden brauchen. Es ist also gar nicht so außergewöhnlich, dass die Politik und die Kommunikationstechniken zum Pferdewagen zurückkehren.

Eine letzte Beobachtung: Früher hat die Presse versucht zu verstehen, welche geheimen Pläne in den Botschaften so geschmiedet werden. Heute sind es die Botschaften, die die Presse um vertrauliche Informationen bitten. (jh)

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