Kultur: Europa ist in Stein gemeißelt

4. Januar 2011
The Guardian London

Kreuzgang der Gloucester Cathedral
Kreuzgang der Gloucester Cathedral

Die finstersten Zeiten der Europäischen Union haben begonnen – zur großen Freude der Euroskeptiker. Doch unsere gemeinsame Geschichte wird uns zusammenhalten, meint ein Kolumnist im Guardian.

Wenn Sie wissen wollen, warum die Europäer einer Gemeinschaft angehören, dann besuchen Sie doch einfach eine der großen britischen Kathedralen des Mittelalters. Schreiten Sie durch den Kreuzgang in Gloucester oder erweisen Sie Wilhelm von Sens, dem normannischen Erbauer der Kathedrale von Canterbury, die Ehre. Oder klopfen Sie auf einen der Steine dieses Meisterwerks – die stammen nämlich aus dem französischen Caen.

Für den modernen Traum der politischen europäischen Union sind finstere Zeiten angebrochen. Die Euroskeptiker fühlen sich bestätigt und halten sich für Realisten, doch nichts ist irrealer als die Illusion, irgendein europäisches Volk – am allerwenigsten unseres – könne Anspruch auf eine selbstbezogene, individuelle Geschichte weitab von der großflächigen Historie des Kontinents erheben. Seit mindestens tausend Jahren baut Europa eine gemeinsame Kultur auf.

Was zählt alte Landespolitik im Vergleich zu bestehenden Herrlichkeiten?

Die erste europäische Union nannte sich „Christenheit“ und begründete im 11. Jahrhundert einen gemeinsamen Stil in Kunst, Architektur und Philosophie, der über die Grenzen der in den Kinderschuhen steckenden Staaten hinausging. Die gotische Architektur breitete sich strahlenförmig wie eine Fensterrose von ihrer Quelle in Paris über ganz Europa aus. Was ist für uns heute greifbarer – die Taten der britischen Könige des Mittelalters oder die Eleganz der gotischen Strebepfeiler des Münsters in York? Die belanglosen Begebenheiten der Landespolitik, die von den Euroskeptikern als die wahre Geschichte unserer Insel angesehen werden, sind im Vergleich zur heute noch lebendigen Herrlichkeit unserer europäischen Kulturgeschichte langweilig.

Europas nächste kulturelle Revolution, die Renaissance, war sogar noch internationaler. Die europäischen Intellektuellen entdeckten im 15. und 16. Jahrhundert ein kollektives, verloren gegangenes, klassisches griechisch-römisches Erbe wieder neu. Die Renaissance breitete sich wie ein Lauffeuer über das ganze Gebiet aus. In der Westminster Abbey brachte ein Bildhauer aus Florenz, Pietro Torrigiano, goldene Putten auf dem Grabmal Heinrichs VII. an, während am anderen Ende Europas der ungarische König Matthias Corvinus als Geschenk aus Florenz eine Büste Alexanders des Großen erhielt. Ein Reisender wie Erasmus konnte von Rom über Basel nach London reisen und überall auf Freunde treffen, die seine Scherze verstanden. Das Gemälde, das alles besagt, ist Tizians Renaissance-Meisterwerk, Der Raub der Europa – eine Interpretation des Mythos, der dem Kontinent seinen Namen gab, gemalt in Venedig, für den König von Spanien.

EU nutzt nicht gemeinsame Kulturgeschichte

Die EU stützt sich nicht auf die Resonanz ihrer gemeinsamen Kulturgeschichte. Die Website der EU heißt zwar Europa, doch statt Tizians Gemälde ist da nur banale, blaue Leere zu sehen. Warum wird aus Europas kultureller Einheit nicht mehr gemacht? Vielleicht weil eben der Wein des Bacchus, der bei uns Begeisterung über unsere gemeinsame Identität auslösen kann, gefährlich ist. Zur Feier der ästhetischen Glorie Europas sollte um der Präzision willen auch das muslimische Erbe gehören, das in der europäischen Kunst seit dem Mittelalter mit den christlichen und klassischen Quellen in Wechselwirkung steht. Die Fächergewölbe der gotischen Kathedralen Englands zum Beispiel wurden von der arabischen Mathematik beeinflusst, genau wie die Entdeckung der Perspektive zur Zeit der Renaissance.

All das klingt vielleicht zu schön, um wahr zu sein. Als ob der Kontinent unterhalb der blutigen, alltäglichen Gewalt seiner Vergangenheit, unterhalb der Spaltungen der Reformation und dem Aufstieg des Nationalismus die ganze Zeit an einer geheimen Kulturgemeinschaft gebaut hätte. Eine geheime Rose, die, oh Wunder, sich alle anderen Kulturen ebenfalls zu eigen macht. Doch das ist eine historische Realität. Für jede entzweiende, politische Kraft in der europäischen Geschichte gab es auch eine vereinende, kulturelle Kraft.

Von Kopernikus zum Large Hadron Collider

Alle europäischen Architektur- und Kunstrichtungen, die wir heute wertschätzen, von denen unsere Museen, Sammlungen und Konzertsäle leben, sind genau das: europäisch. Barock und Rokoko, Neoklassik und Romantik, der Realismus des 19. und der Modernismus des frühen 20. Jahrhunderts – lauter miteinander verknüpfte Künstler, Intellektuelle und Betrachter, von Polen bis Dänemark. Die Geschichte von Europas gemeinsamer Kultur endete noch nicht einmal im 19. Jahrhundert mit dem Trend zur nationalen Identität, denn selbst der Nationalismus ist eine gemeinsame europäische Idee – und der romantische Sinn für Landschaftsmalerei und Dichtkunst pflanzte sich von einer Hauptstadt zur anderen fort, ebenso schonungslos wie die klassischen Mythen sich durch das Europa der Renaissance übertrugen.

Heute steht diese gemeinsame Kultur vielleicht kurz vor ihrer größten Errungenschaft seit Kopernikus (der in Mitteleuropa lebte und dessen Beobachtungen von Tycho Brahe in Kopenhagen geprüft, von Galileo in Rom verteidigt und von der britischen Royal Society bewiesen wurden), nämlich wenn der Large Hadron Collider im Kernforschungszentrum CERN eine bedeutsame Entdeckung macht.

Europäer müssen unsere Kultur verlautbaren

Irgendwann demnächst müssen die Europäer, die an eine gemeinsame Identität glauben, sich aufrichten und die einmalige Reichhaltigkeit und Offenheit unserer Kultur verlautbaren – diese Vielfalt in der Einheit, die bedeutet, dass eine Barockkirche in Sizilien nicht haargenauso aussieht wie eine andere in Bayern. In Großbritannien kämpft der Art Fund dafür, dass ein Gemälde von Brueghel im Land bleibt. Warum? Weil es zu unserem Erbe gehört. Weil wir Europäer sind.

Wenn die Euroskepsis damit anfinge, alle Werke Brueghels und Tizians davonziehen zu lassen und die National Gallery auf einen Saal mit englischen Porträts aus dem 18. Jahrhundert zu reduzieren, dann würde ganz offensichtlich, wie dumm sie ist. An Europa zu glauben ist nicht idealistisch, und noch weniger ist es eine bürokratische Abstraktion. Betrachtet man die Geschichte in ihren lebendigen Farben, dann sieht man, wie zutiefst europäisch wir sind und wie tief die Wurzeln dieser gemeinsamen Identität reichen.

Aus dem Englischen von Patricia Lux-Martel

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