Kosovo: Hashim Thaçi, der große Fisch von Pristina

25. Januar 2011
The Guardian London

Daumen hoch für organisiertes Verbrechen? Hashim Thaci grüßt Anhänger nach seinem Sieg bei den Parlamentswahlen, 18. November 2007.
Daumen hoch für organisiertes Verbrechen? Hashim Thaci grüßt Anhänger nach seinem Sieg bei den Parlamentswahlen, 18. November 2007.

Werden seine zwielichtigen Geschäfte nun dem kosovarischen Premierminister Hashim Thaçi zum Verhängnis? Der Europarat ist kurz davor eine Untersuchung anzuordnen. Und jetzt liegen dem Guardian auch noch vertrauliche NATO-Dokumente mit neuen schockierenden Enthüllungen über den gehätschelten Verbündeten des Westens vor.

Hashim Thaçi, Premierminister des Kosovo, sei „ein großer Fisch“ des organisierten Verbrechens in seiner Heimat, behaupten Berichte westlicher Geheimdienste. Geheime NATO-Dokumente zeigen, dass die USA und andere westliche Mächte, die die kosovarische Regierung unterstützen, von der Verstrickung des Premiers mit dem organisierten Verbrechen schon seit langem informiert waren. Die Berichte nennen einen weiteren kosovarischen Spitzenpolitiker, der Verbindungen zur albanischen Mafia unterhält.

Die Dokumente mit dem Siegel der „USA KFOR“ liefern detaillierte Informationen über die Netzwerke des organisierten Verbrechens im Kosovo, basierend auf Kontakten der westlichen Geheimdienste vor Ort. Sie beschreiben die geografische Ausdehnung der Verbrecherbanden im Kosovo und geben Einzelheiten über mutmaßliche familiäre und berufliche Verbindungen. [Am 25. Januar] wird der Europarat voraussichtlich offiziell eine Untersuchung zu den Anschuldigungen einfordern, Thaçi gehöre einem „mafiösen“ Kartell an, verantwortlich für Waffen- und Drogenschmuggel, sowie Organhandel während und nach dem Kosovo-Krieg von 1998-99.

Thaçi, unterwegs im Heroin- und Organhandel?

Die Beschuldigungen des Organhandels stammen aus dem im vergangenem Dezember veröffentlichten Bericht von Dick Marty, Europarat-Abgeordneter und Mitglied der OSZE-Kommission für Menschenrechte. Er bezichtigte Thaçi und andere Verantwortliche der UÇK Befreiungsarmee des Kosovo, dem organisierten Verbrechen anzugehören. In seinem Bericht behauptet er weiterhin, Thaçi würde „mit Gewalt“ den Heroinhandel kontrollieren und bestätigte ein Gerücht, demzufolge Vertraute des Premiers nach Ende des Kriegs mit Serbien eine Bande angeführt hätten, die serbische Kriegsgefangene umbrachte, um deren Nieren auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen.

Bis zum Ende des Kriegs im Jahr 2008, als das Land offiziell seine Unabhängigkeit von Serbien erlangte, war der Kosovo ein Protektorat der Vereinten Nationen. Der im vergangenen Monat wiedergewählte Thaçi genoss bis dato die bedingungslose Unterstützung der NATO. Seine Regierung dementierte den Bericht Martys, den sie als eine serbische Verschwörung mit dem Ziel der Schwächung des jungen Staates zurückwies.

Haliti: enger Vertrauter oder Strippenzieher?

Doch die neuen Dokumente stammen von der KFOR, der Friedenstruppe der Allianz, verantwortlich für die Sicherheit des Kosovo. Die KFOR war es, die 1999 in den Kosovo-Krieg eingriff und dazu beitrug, der ethnischen Säuberung durch die Truppen des Serben Slobodan Milosevic ein Ende zu bereiten. In diesen Akten wird Thaçi als Teil eines Triumvirats „der größten Fische“ des organisierten Verbrechens im Kosovo dargestellt. Dasselbe gilt für Xhavit Haliti, dem einstigen Cheflogistiker der UÇK und heute engen Vertrauten des Regierungschefs. Die Berichte der NATO-Geheimdienste beschreiben Haliti als Spitzenvertreter des organisierten Verbrechens, der eine tschechische 9mm bei sich trüge und beträchtlichen Einfluss auf den Regierungschef ausübe.

Ein weiterer Bericht nennt Haliti „die treibende Kraft hinter Hashim Thaçi“ und sagt ihm enge Verbindungen zur albanischen Mafia und zum KShiK, dem kosovarischen Geheimdienst nach. Demzufolge sei er „mehr oder minder“ für einen Fonds zur Finanzierung des Kosovo-Kriegs verantwortlich gewesen, wobei er sich auch persönlich bereichert haben soll, bevor die Quelle versiegte. „Deshalb ist Haliti ins organisierte Verbrechen im großen Stil eingestiegen“, sagt der Bericht. „Haliti ist in Prostitution, Waffen- und Drogenschmuggel verwickelt.“ Er ist politischer Berater des Premiers, doch den Dokumenten zufolge, könnte man ihn auch als „den eigentlichen Boss“ bezeichnen. Haliti reise oft mit falschem Pass, da er in mehreren Ländern, einschließlich den USA, auf der schwarzen Liste stehe. Er hätte auch die Einschüchterungen von Oppositionsführern im Kosovo als auch zwei Morde Ende der Neunziger Jahre zu verantworten.

Kritiker mit Flasche und Schraubenzieher entstellt

Eines der Opfer war ein politischer Gegner, der „an der Grenze tot aufgefunden“ wurde, angeblich als Folge eines Streits. Die Beschreibung des zweiten mutmaßlichen Mordes — ein junger Journalist aus der albanischen Hauptstadt Tirana — verweist auch namentlich auf den Regierungschef, ohne ihn jedoch direkt zu beschuldigen. Haliti hingegen sei darin verwickelt: „Ali Ukan, Reporter aus Tirana, unterstützte die Unabhängigkeitsbewegung, kritisierte sie aber auch in seinen Artikeln. Ukan wurde 1997 mit einer Flasche und einem Schraubenzieher brutal entstellt. Sein Mitbewohner war damals Hashim Thaçi.“

Auch im Marty-Bericht wird Haliti neben einer Liste von Vertrauten Thaçis erwähnt: er habe während des Kriegs und kurz danach „Morde, Verhaftungen, Schlägereien und Verhöre“ befohlen oder ihnen in einigen Fällen sogar persönlich beigewohnt. Es war uns nicht möglich, Haliti zu erreichen. In einem Interview vergangene Woche mit Balkan Insight wies er jedoch den Marty-Bericht als „politisch“ zurück. Er solle „die UÇK diskreditieren“. „Dieser Bericht hat mich nicht überrascht. Ich verfolge diese Sache seit Jahren. Der Inhalt dieses Berichts ist ein politischer“ sagte er. Aber, gab er zu, es sei wahrscheinlich, dass der Europarat einer Untersuchungskommission unter Federführung der Rechtsstaatlichkeitsmission im Kosovo EULEX zustimmen werde.

In einer Reaktion auf die Anschuldigungen sagte ein Sprecher der kosovarischen Regierung: „Diese Vorwürfe sind seit mehr als zehn Jahren im Umlauf. Die jüngste Fassung findet sich im Bericht von Dick Marty. Sie gründen auf Gerüchten und gezielter Desinformation serbischer Geheimdienste. Dabei hat der Premierminister eine Untersuchung durch die EULEX-Mission gefordert und regelmäßig seinen Willen zur uneingeschränkten Zusammenarbeit mit den Justizbehörden zu diesen verleumderischen und skandalösen Vorwürfen bekundet. Die Regierung des Kosovo unterstützt weiterhin die Stärkung des Rechtsstaats im Kosovo und wir freuen uns, mit den internationalen Partnern zusammenarbeiten zu können, um zu gewährleisten, dass für Kriminalität kein Platz in der Entwicklung des Kosovo ist.“

Übersetzung von Jörg Stickan

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