Wirtschaftswachstum: Den Blick nach Innen wagen

19. März 2015
eutopia Rome

Die EU ist der größte und am weitesten entwickelte Binnenmarkt der Welt. Wenn sie überleben will, muss sie sich einschließen und über sich selbst und ihr Potential, als Wirtschaftsmotor Wachstum zu schaffen, nachdenken, schreibt der italienische Wirtschaftswissenschaftler Innocenzo Cipolletta. Auszüge.

Das Modell des Wirtschaftswachstums, das sich aus den Exporten speiste, war während der langen Periode des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa vorherrschend und hat sich nach dem Fall der Berliner Mauer auch in Osteuropa verbreitet.

Es war kein anderes Szenario möglich, denn jedes europäische Land vertritt einen [viel] zu kleinen Markt, um für Erholung sorgen zu können, das heißt, dass über einen Zeitraum von mehr als fünfzig Jahren alle nationalen Anstrengungen auf einen Anstieg der Exporte ausgerichtet waren.

Dieses Wachstumsmodell wurde über einen langen Zeitraum angewendet und ist immer noch in der Erinnerung, dem Verhalten und in den europäischen Mentalitäten verankert. Ein großer Teil des Europäischen Wirtschaftssystems beruht daher immer noch auf ihm, d.h. auf den Maßnahmen, die den Wettbewerb und infolgedessen die Exporte begünstigen.

Als Europa das Projekt des geeinten Markts und des Euro umgesetzt hatte, bestand eines der festgelegten Ziele darin, die Zone des Wirtschaftswachstums, die von Exporten gestützt war, zu transformieren in eine Zone mit bedeutender Binnennachfrage, die gegenüber den Wechselkursschwankungen viel gelassener wäre.

Obwohl diese Logik hinter der Gründung der Europäischen Union steckte, kopierte die EU einfach die auf dem Export basierenden nationalen Wachstumsmodelle

Obwohl diese Logik hinter der Gründung der Europäischen Union steckte, kopierte die EU einfach die auf dem Export basierenden nationalen Wachstumsmodelle auf kontinentaleuropäischen Maßstab um.

Motor und Treibstoff

Europa kann nicht einem Wachstumsmodell folgen, das auf Exporten beruht, wenn auch verschiedene europäische Länder diesem Weg gefolgt sind. Die Schaffung eines Binnenmarkts und die Wahl einer gemeinsamen Währung bedeuten auch einen Übergang zu einem Europa, in dem die Binnennachfrage zu Motor und Treibstoff des Wachstums wird.

Eine intelligente gesetzliche Regelung, deren Ziel die verbesserte Lebensqualität ist und die für zukünftige Generationen entworfen wurde, kann ein wichtiger Wachstumsfaktor der Wirtschaft sein.

Um nur ein Beispiel herauszugreifen, zielen die gesetzlichen Regelungen, die die Luftverschmutzung betreffen, darauf ab, nicht nur die Verschmutzung zu reduzieren, sondern auch die Forschung nach neuen Lösungen und neuen Technologien zu unterstützen, welche zu substantiellen Veränderungen auf Seiten des Verbrauchs und der Produktion führen könnten. Dies könnte zu Veränderungen und dem Ersatz vieler Produkte und Dienstleistungen führen. Diese Produkte könnten zu Stützen der europäischen Binnennachfrage werden.

Fortschrittliche Länder wie jene in Europa werden künftig nicht weiter wachsen, weil ihr Bedarf in puncto Verbrauch, Unterkunft und Infrastruktur gestiegen sein wird. Vielmehr werden sie Güter, Häuser, Dienstleistungen und die Infrastruktur von Dritten durch in besserer Qualität gefertigte und auf höherem Niveau entwickelte Produkte ersetzen, was durch technologische Innovation ermöglicht wurde.

Produktionsumfeld

Wir dürfen Exporte und Wettbewerbsfähigkeit dennoch nicht aufgeben. Ganz im Gegenteil setzt diese Idee voraus, dass wir über die Produktion hinausgehen, neue Forschungsbereiche eröffnen und eine neue Nachfrage entwickeln, die dann auch in andere Länder und Regionen exportiert werden würde.

Ferner ist eine derartige Fokussierung auf das Binnenwachstum nötig, damit unsere Exportaktivitäten weiter zunehmen. Wenn wir tatsächlich eine Kontinuität der Entwicklungsprozesse und eine stetige Wettbewerbsfähigkeit gewährleisten wollen, dann müssen alle strukturellen Produktionsteilnehmer zuverlässig sein.

Die Exportkapazitäten eines Landes beruhen nicht einzig auf den Kosten und der Produktqualität der exportierenden Unternehmen, sondern vor allem auch auf dem Produktionsumfeld, das sie mit Teilnehmern, Dienstleistungen, Professionalität und dem nötigen Wissen versorgt.

Politiker, die lediglich den Export begünstigen, trocknen dieses Umfeld ringsum aus

Politiker, die lediglich den Export begünstigen, trocknen dieses Umfeld ringsum aus, auf dem die Binnennachfrage aufbaut. Die Herabsetzung von Gehältern, die Suche nach Subunternehmern in Ländern, in denen die Arbeitskosten niedriger sind, [sowie] Budgetkürzungen, die die Senkungen von Steuern und Produktionskosten erlauben, tragen dazu bei, das Umfeld der Exportaktivitäten in eine Wüste zu verwandeln, was die Gefahr birgt, den Untergang der Exportaktivitäten einzuleiten, sei es, weil Produktionsmittel fehlen, oder weil sie in Länder verlagert worden sind, in denen es diese Mittel noch gibt.

Die Europäische Union wird entweder ein großer Binnenmarkt, der das Wachstum der restlichen Welt anreizt, oder die Summe vieler kleiner Märkte, die sich bekriegen, um ihren Teil des internationalen Markts zulasten der Schwellenländer zu verteidigen. Und das würde den Tod des geeinten Europas besiegeln.

Deutsche Übersetzung von Karen Gay-Breitenbach, DVÜD

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