Gesellschaft

Einwanderung
: Lampedusa, Vorposten im Sturm

24. Februar 2011
La Stampa Turin

Flüchtlingsboot vor Lampedusa, 21. Februar 2011
Flüchtlingsboot vor Lampedusa, 21. Februar 2011


Seit Mitte Februar sind mehrere tausend Bootsflüchtlinge aus Tunesien auf der italienischen Insel gelandet. Mit begrenzten Möglichkeiten versuchen die Bewohner bei schlechtem Wetter und ohne politische Hilfe, die Situation zu bewältigen. Lokalaugenschein an einem Ort, wo alles an Krieg erinnert.

Das Wort mag ein wenig furchteinflößend sein, aber es sieht ganz so aus, als rüste man sich für einen Krieg. Für Italien – das bereits einen geführt hat – eine Art zweiter Libyenkrieg. Mit C-130-Maschinen wird eiligst eine Parallelevakulierung durchgeführt, eine wahre Ironie der Geschichte: Nur schnell die Tunesier aus Lampedusa weg, aber auch die Italiener aus Tripolis, denn in diesem Teil des Mittelmeeres flieht inzwischen an beiden Ufern, wer nur kann, und zwar für immer. Militärschiffe nehmen Kurs auf die Straße von Sizilien, zur Unterstützung der kleinen Flotte, die dort bereits verkehrt, und in sämtlichen Stützpunkten der italienischen Luftwaffe herrscht immer höhere Alarmbereitschaft.Man rüstet sich also.

In der Zwischenzeit blickt man über das Meer und hält nach dem Feind Ausschau. Da „der Feind“ aber nicht diese mit unzähligen Flüchtlingen beladenen Boote sein können, ist irgendetwas faul an diesem Krieg. In der Nacht von Montag auf Dienstag sind bei recht starkem Seegang weitere 250 Menschen auf Lampedusa gelandet: Sie kommen aus Sfax, Tunesien, 60 Seemeilen entfernt, halb so weit wie die sizilianische Küste. Am Vortag hatten es trotz Sturm und Patrouillenbooten auch einige bis ans Ufer geschafft: Kleider trocknen, Schuhe wieder anziehen, und dann schnell etwas Warmes im nächsten Café. So hat das Auffanglager, das erst vor kurzem geräumt wurde, wieder 1000 Insassen, die Hälfte gegenüber den 2500 letzte Woche.

Doppelt verschlossene Türen

Viele starten los, viele kommen an: So kann es natürlich nicht weitergehen. „Besonders, wenn das Meer sich beruhigt“, so Cono Callipò, Leiter des Auffanglagers – „denn wenn sich das Meer beruhigt und Gaddafi kapituliert, ist das, was wir bisher gesehen haben, rein gar nichts im Gegensatz zu dem, was wir noch vor uns haben.“ Eigentlich hat Lampedusa ja schon ziemlich viel hinter sich. Die Hauptstraße und die Gässchen im Zentrum sind immer voll mit Tunesiern, die in Cafés, Supermärkten und besonders in Läden einfallen, wo sie ihre Mobiltelefone wieder aufladen können.

Die bisher gezwungenermaßen verfolgte Linie (nämlich die, die Migranten nicht im Auffanglager festzuhalten) hat sich vorerst auch als die beste erwiesen: Doch nach einer Woche ist die Ablehnung der Inselbewohner immer stärker zu spüren. Oft wird Kaffee in Papierbechern serviert, weil, wie man uns in Don Pinos Bar dell‘Amicizia erklärt, die Kunden aus Lampedusa sich weigern, aus den Tassen zu trinken, aus denen vorher die Flüchtlinge getrunken haben. Kinder werden fast nicht mehr aus dem Haus gelassen, Türen doppelt verschlossen, junge Mädchen immer begleitet, auch wenn sie nur ein paar hundert Meter zu gehen haben.

„Wir sind da, wir haben nie gekniffen. Aber Lampedusa braucht Hilfe.“

Die Geduld der Inselbewohner ist langsam zu Ende: Sie haben die Zahlen im Kopf, die nach und nach durchsickern, erst aus Rom, dann aus Brüssel. Viele Tausende. Hunderttausend. Vielleicht dreihunderttausend. Die Prognosen schwanken immer wieder, aber auch die optimistischsten darunter sind für die Insel eine Tragödie. Dino De Rubeis, Lampedusas stattlicher Bürgermeister, erklärte: „Sie haben es gesehen, wir sind da, wir haben nie gekniffen. Wir haben sie überall untergebracht, sind nächtelang an der Hafenmole gewesen, haben ihnen Zigaretten geschenkt … Aber Lampedusa schafft es nicht allein. Wir brauchen Hilfe.“

Stimmt absolut. De Rubeis verzieht den Mund angesichts der Agentur-Meldungen mit Nachrichten, die hier als schlecht betrachtet werden: Das UN-Flüchtlingskommissariat ersucht darum, die Migranten nicht abzuweisen, die Europäische Union ermahnt Italien, sich aus dem Kopf zu schlagen, die eintreffenden Maghrebiner einfach auf den gesamten Kontinent verteilen zu können, und die italienische Regierung, die nicht mehr aus und ein weiß, denkt an riesige Zeltstädte auf Sizilien. Die Männer mustern den Horizont und hoffen auf schlechtes Wetter.

Geschichten über Erlebtes und Phantastereien

Ihr Stoßgebet um hohen Seegang und 40-Knoten-Windböen wurde erhört: Was die Landungen betrifft, so glich Lampedusa gestern einem Stück Normandie, mit stürmischer See von Nordwesten, Böen mit kaltem Regen und eisigem Wind, die alle in ihre Häuser verbannten. Nicht gut für die Insel: Das Versorgungsschiff aus Porto Empedocle ist seit zwei Tagen nicht gekommen, und auch im Flugverkehr sieht es nicht besser aus – gestern wurden zwei Flüge, die eine Gruppe von Einwanderern hätte wegbringen sollen, wegen Schlechtwetters gestrichen. So also die derzeitige Lage am Vorposten Italiens und Europas, wo man auf die angekündigte Invasion aus den Maghreb-Staaten wartet. In den Cafés und den Lokalen, in die sich die Menschen wegen des Regens und des Windes geflüchtet haben, vermischen sich Geschichten über Erlebtes und Phantastereien.

Man erinnert sich an die Geschehnisse Mitte der 80er Jahre, als Gaddafi auf die Loran-Basis feuerte und sein Ziel nur um ein paar Kilometer verfehlte. Man kommentiert die Eigentümlichkeit dieses Krieges, der mit dem ewigen Krieg zwischen den Fischern aus [dem sizilianischen Hafenstädtchen] Mazara del Vallo einerseits und den tunesischen und libyschen Schnellbooten andererseits verschmilzt. Das Fischerboot, mit dem Dienstagnacht vierzig vor der Küste treibende Maghrebiner gerettet wurden, heißt „Chiaraluna“. Exakt vor einem Jahr wurde jedoch genau diese „Chiaraluna“ von libyschen Wachbooten wegen Eindringens in libysche Gewässer beschlagnahmt … Krieg herrschte also schon vorher.

Aus dem Italienischen von Salka Klos

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