Eine Stadt in Europa: Bukarest, eine Stadt nach Menschenmaß?

Bukarest, Boulevard der Akademie (Postkarte von1908).
Bukarest, Boulevard der Akademie (Postkarte von1908).
13. April 2011 – Dilema Veche (Bukarest)

Man nennt sie auch „kleines Paris“. Von Tag zu Tag wird die rumänische Hauptstadt durch ihre ebenso riesigen wie sinnentleerten Baustellen immer hässlicher. Dennoch gibt es noch immer bezaubernde Stellen und es bräuchte wirklich nicht viel, um der Stadt wieder ein menschliches Antlitz zu geben, meint Stadtplaner Teodor Frolu.

Ohne dass sie es gewollt hätte, hängt Bukarest nun der Ruf einer von ihren Bewohnern ungeliebten Stadt an. Wie aber kann man eine Stadt lieben? Und kann man Bukarest heute noch immer lieben, mit ihrem von zwanzig Jahren totalitärer Stadtplanung und Immobilienspekulation gezeichnetem Gesicht?

Zunächst einmal müsste man versuchen, zu verstehen, was sich hinter der schmachtenden Nostalgie versteckt, die uns überkommt, wenn wir die Bilder des „kleinen Paris“ betrachten. Gewiss liegt es nahe, von der Romantik zu sprechen, die den Sepia-Bildern eines vergangenen Bukarest anhaftet. Darüber hinaus fasziniert uns die menschliche Größe der Zwischenkriegs-Stadt. Vom detaillierten Kopfsteinpflaster der Straßen bis hin zum virtuos geschmiedeten Eisenzaun und den ästhetischen Straßenlampen ist die Stadt voll von einem „gewissen Sinn“ für Architektur

Kann eine große Hauptstadt gebaut werden, wenn sie „klein“ denkt?

Auch die Gebäude und ihre gewiss „kostbaren“ und dabei keineswegs dekorativ überladenen oder übergroßen Fassaden gehören dazu. Selbst der königliche Palast oder das rumänische Athenäum [wichtigster Konzertsaal der Hauptstadt] sind nach Menschenmaß gebaut. Ich erlaube mir die Behauptung, dass der Charme des „kleinen Paris“ nicht ausschließlich durch den Einfluss der französischen Architektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu erklären ist, sondern auch in seiner menschlichen und warmherzigen Dimension liegt. Sie bildet einen Gegensatz zur Opulenz des „großen Paris“ im Haussmannschen Stile, dessen monumentale Bauwerke und breite Boulevards die Besucher eher einschüchtern. Wenn es uns gelingt, den qualitativen Wert des Wortes „klein“ zu verstehen, dann könnten wir auch leicht die Fehler ausfindig machen, die wir seit 50 Jahren begangen haben.

Kann eine große europäische Hauptstadt gebaut werden, in dem sie „klein“ denkt? Für die rumänische Gesellschaft scheint dieses Konzept nur schwer annehmbar zu sein. Auch wenn es sich dabei um das gegenwärtige und bedeutendste europäische Modell handelt. Werden wir immer (Erinnerungen an den Kommunismus?) Sklaven des „immer größeren“ sein? Des größten Bauwerkes [Palast des Volkes], der größten Kathedrale, der größten Hängebrücke [diese beiden werden gerade gebaut]. Dabei bedeutet „klein“ im Vokabular der modernen Stadtplanung doch vor allem am Menschen orientiertes Design, von funktionalen Ansprüchen überlagerte Emotionen. Wie das, was zwischen den Kriegen gemacht wurde. Zu der Zeit, als das „kleine Paris“ seinen Aufschwung erlebte.

Können wir noch zurück? Natürlich. Aber mit den Instrumenten aus dem Jahr 2011. Nicht die damalige Stadt soll kopiert werden – das ist nicht mehr möglich – aber wir sollten wieder an die Bedeutung des Kulturerbes denken, dass wir noch immer lieben. So könnten wir das wiederentdecken, was im heutigen Bukarest noch Wert hat.

Um das kulturelle Gedächtnis wiederzufinden ist das Straßenbild der Zwischenkriegs-Stadt, das sich organisch ausgeweitet hat, eines der Schlüsselelemente. Die neuen Boulevards, Straßenerweiterungen und ausufernde Abbrucharbeiten haben „Löcher“ in dieses organische Gerüst gerissen, die mithilfe innovativer Werkzeuge der städtebaulichen Planung wieder „geflickt“ werden müssen. Aufgrund des Straßenverkehrs üben die Boulevards keine Anziehungskraft mehr aus. Wir lieben die kleinen Straßen. Ganz besonders am Wochenende.

Menschenmaß, das Maß aller Dinge

Die Vielfalt der Stadt macht identitätsstarke Plätze und gut definierte Funktionen notwendig. Funktionen, die sich aus Traditionen speisen und von den Bewohnern akzeptiert werden. Keine politischen Umstandsentscheidungen aus feierlich-opportunistischen Gründen. Der Renovierung des Ortsnetzes müssen moderne Prinzipien zugrundeliegen: Fußgänger, Radfahrer und öffentliche Verkehrsmittel müssten beispielsweise Priorität gegenüber Autofahrern haben. Dann könnte es vor wirtschaftlichen und kulturellen Überraschungen nur so sprudeln.

Noch gibt es in Bukarest kostbare Beispiele einer Architektur nach Menschenmaß. Man muss nur seinen Blick verstellen. Das Museums-Dreieck (Antipa, das Naturkundemuseum, das rumänische Landschaftsmuseum und das geologische Museum) ist ein Beispiel für intelligentes Eingreifen, bei dem drei Orte mit viel Mehrwert in einen neuen öffentlichen Raum verwandelt wurden.

Gleiches gilt für die Wiederentdeckung der Grivitei-Straße und der Verbindung zwischen dem Nordbahnhof und der Victoriei-Straße. Der Blumenmarkt und die Vama-Lagerhallen, sowie die Bragadiru-Fabrik warten darauf, wiederentdeckt und in den Stadtkörper integriert zu werden. Der Carol-Park mit seinen einzigartigen Industriearchitektur-Gebäuden, das Elektrizitätswerk und der Filaret-Bahnhof, die Streichholz-Fabrik [Gebäude, welche die Erinnerung an die internationale Ausstellung 1906 wachhalten], die römischen Arenen und die Sternwarte, der Metropolis-Palast (der seit 2010 von Mauern umgeben ist und dessen Zugänge verbarrikadiert sind)… Alle diese Bezugspunkte hüten die Lebensenergie unserer städtischen Erlösung. Mit einfacheren Worten: Liebenswerte Orte. (j-h)

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