Städtebau: Unter der Erde im hohen Norden

14. April 2011
Polityka Warschau

Das Itäkeskus-Schwimmbad bei Helsinki
Das Itäkeskus-Schwimmbad bei Helsinki

In Skandinavien, von den östlichen Küsten des Baltikums bis zu den Meerengen im Westen, wird unterirdisch gebaut: Straßen, Tunnel und sogar Shopping-Meilen, staunt die Wochenzeitschrift Polityka.

Zum ersten Mal weltweit wurde in Helsinki der detaillierte Plan einer unterirdischen Stadt in Helsinki vorgestellt. Bis 2020 sollen 400 unterirdische Bauten geschaffen werden, mit einem Gesamtvolumen von 9 Millionen Kubikmeter. Seit vielen Jahren schon verbindet ein Tunnel den Hauptbahnhof mit einer fast einen Kilometer entfernten Shopping-Meile.

Dort befindet sich eins der berühmtesten Kaufhäuser Europas, das Stockmann. Ein Bau, der jüngst vergrößert wurde. Die Oberfläche wurde um fast 10.000 Quadratmeter erweitert. Um nicht den Verkehr zu behindern und reibungslos Material und Geröll transportieren zu können, ließ die Stadt ein ganzes Tunnelnetz bauen.

Eine unterirdische Stadt

Und tatsächlich soll dieses Netz später einmal als unterirdischer Versorgungsweg für die Stadt dienen, um den Verkehr in der Altstadt Helsinkis zu entlasten. Drei Umgehungsstraßen entlang der Küste im Norden Helsinkis sollen ebenfalls unterirdisch gebaut werden.

Ein weiteres, kommendes Projekt trägt den Namen „Pisara“, Tropfen auf finnisch: ein U-Bahnliniennetz, das Helsinkis Vororte mit dem Hauptbahnhof verbinden soll und genau die Form eines Tropfens hat. Und in drei Jahren wird eine Hochgeschwindigkeitslinie den Hauptbahnhof mit der U-Bahn-Station des Flughafen Vantaa verbinden, der 20 Kilometer außerhalb der Stadt liegt. Auch sie soll unter die Erde und verläuft unter anderem unter der Startbahn.

Der größte unterirdische Busbahnhof der Welt wurde vor fünf Jahren in Helsinki gebaut. Und die größte Touristenattraktion Helsinkis ist die Temppeliaukion-Kirche, die jährlich rund 500.000 Besucher zählt. Im Gegensatz zu Jerusalem ist die Kirche in den Felsen eines Hügels gehauen. Die Felswände bieten eine herausragende Akustik, weshalb die Kirche gern für Konzerte genutzt wird.

In Helsinki befindet sich auch die Europäische Chemikalienagentur ECHA, die sich innerhalb der Europäischen Union um Kontrolle und Zulassung von Chemikalien kümmert. Hauptargument für die Ansiedlung der Behörde war der felsige Boden, der es ermöglichte vier unterirdische Stockwerke zu bauen, mit Lagerräumen und Konferenzsälen. Sie würden selbst einer Atombombe standhalten, verkünden die Hausherren stolz.

Zehn Kilometer von der historischen Altstadt Helsinkis entfernt, wurde die größte Shopping-Meile Nordeuropas erbaut, mit Geschäften, Eisbahn und zahlreichen Saunen, die zum Lebensstil der Finnen einfach dazugehören.

Tunnel statt Brücke

Doch alle diese Weltwunder sind nichts im Vergleich zum 50 Kilometer langen Tunnel von Tallinn bis Helsinki, der Finnland mit dem Kontinent verbinden soll. Der Tunnel soll das regionale Wachstum fördern und die Abhängigkeit Finnlands vom Schiffsverkehr verringern. Unterirdische Autobahnen und Gleise durch den Golf von Finnland sollen den Transport von Waren und Menschen erleichtern. Doch bis jetzt ist das Projekt einer Unter-Wasser-Verbindung zwischen Helsinki und Tallinn noch nicht verabschiedet.

Am anderen Ende der Ostsee, am Fehmarnbelt, wird vierzig Meter tief ein 18 Kilometer langer Tunnel unter Wasser gebaut. Die Kosten (mehr als 5 Milliarden Euro) trägt Dänemark, das dank des Tunnels über eine Anbindung zu Deutschland verfügt. Bis dato gab es nur, neben ein paar Tunnel und Brücken, die Verbindungen über die Halbinsel Jütland (dem dänischen Festland).

Stockholm unterirdisch

In Schweden wird vor allem in Stockholm unterirdisch gebaut. Seit den Zeiten Alfred Nobels, dem Erfinder des Dynamits, das die Minenarbeit revolutionieren sollte, waren in Stockholm nicht mehr so viele unterirdische Explosionen zu hören. Unter dem Mälarsee wird ein Eisenbahntunnel gebaut, der die Verkehrsanbindung an die Hauptstadt verbessern soll. Der Tunnel erstreckt sich entlang der Altstadt und führt an der ältesten Kirche der Stadt vorbei, die im 13. Jahrhundert gebaut wurde und in der sich die Gräber der schwedischen Monarchen befinden.

Die interessantesten unterirdischen Bauten sind aber in Nordschweden geplant, in Kiruna, berühmt für sein Eisenerz. 500 Meter unter der Erde ist auf beleuchteten Wegen innerhalb einer Mine der Menschauflauf quasi rund um die Uhr dichter als auf den belebtesten Straßen Stockholms. Jeder kann sich in die unterirdischen Gänge begeben, um den Minenarbeitern bei der Arbeit zuzusehen, ein Museum zu besuchen, einen Kaffee zu trinken oder noch andere Orte dieser unterirdischen Stadt zu entdecken.

An der Oberfläche ist die Stadt Kiruna aber zum Verschwinden verurteilt, da entdeckt wurde, dass die größte Eisenerzader genau unter der Stadt liegt. Will man sie gefahrlos nutzen, müssen die Bewohner umgesiedelt werden. Niemand weiß so recht wohin.

Die Stadt von unten

Auch an der norwegischen Küste wird in unterirdische Bauten investiert. Mit seinen Fjords und Inseln erstreckt sich die Küste über 25.000 Kilometer. In jüngster Zeit suchen die norwegischen Behörden die Küstenwege zu verkürzen und schneller zu machen, weshalb man mit dem Bau von unterirdischen Querungen und Tunnel begonnen hat. Der Tunnel, der die beiden größten Städte des Landes, Bergen und Oslo, verbinden soll, wird fast 25 Kilometer lang werden und somit zum längsten Straßentunnel der Welt.

Skandinavien gehört zu den bevölkerungsärmsten Regionen Europas. Es gibt ausreichend Platz für jeden, und der seit einigen Jahren zu beobachtende Trend zum unterirdischen Bau erscheint unverständlich.

Früher baute man liebend gerne Gartenstädte, und die Skandinaven waren darin Meister des Fachs (beispielsweise in Tapiola, einem Stadtteil von Helsinki). Heute hat man den Eindruck, dass die Menschen sich nach einem urbaneren Umfeld sehnen, nach Städten, nicht nach Gärten. Und ganz egal, was Urbanisten sich ausdenken, die Menschen entscheiden sich nach Lust und Laune und nach ihren finanziellen Möglichkeiten. Um in die Innenstädte ziehen zu können, sind sie bereit astronomische Summen auszugeben. Doch mögen die Skandinavier traditionell weder Hochhäuser noch Wolkenkratzer. Es bleibt ihnen also nur eine Möglichkeit: buddeln. Ab unter die Erde. (js)

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