Polen: Die Schattenseite des Wirtschaftswunders

7. Juni 2011
The Guardian London

Der Arbeitsmarkt schrumpft. Eine Jobmesse in Wroclaw. Apri 2011.
Der Arbeitsmarkt schrumpft. Eine Jobmesse in Wroclaw. Apri 2011.

Polen mag zwar als eine von Europas wirtschaftlichen Erfolgsstorys bejubelt werden, doch Gesundheit und soziale Dienste dort verfallen, und die studierten jungen Polen ziehen der schlecht bezahlten Arbeitslosigkeit ohne Zukunftsaussichten in der Heimat immer öfter das Exil vor.

In Großbritannien lebende Polinnen bekommen im Durchschnitt mehr Kinder als ihre jungen Landesgenossinnen in der Heimat. Als das vor ein paar Monaten in der größten polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza bekannt gemacht wurde, war es eine riesige – wenn auch nicht völlig unerwartete – Überraschung.

Viele Kommentare sind der Spiegel einer tiefen Kluft zwischen der öffentlichen Debatte in Polen und unserer sozialen Realität. Der „Westen“ galt als freisinnig, sogar als freizügig, und deshalb als ein sehr gefährlicher und verderblicher Ort für junge Menschen. Aber Kinder? Die passen nicht in dieses Konzept. Alle paar Wochen zieht dieser oder jener konservative Politiker aufgrund der katastrophalen demografischen Situation des Landes die Alarmglocke. Polnische Frauen haben im Durchschnitt nur 1,23 Kinder: Das verheißt Schlechtes für Polens Zukunft.

Die Erklärungen für die niedrigen Geburtenraten waren bis jetzt vorwiegend ideologischer Art. Die Vergnügungssucht der jungen Generation, die alles erlaubende und übersexualisierte Populärkultur und der mangelnde Patriotismus wurden angeprangert. Als sich also herausstellte, dass die echten Gründe vielleicht prosaischer sind – unzureichende soziale Dienste, schlechte und oft nicht verfügbare medizinische Versorgung, Mangel an Arbeitsplätzen für die Eltern und an Kinderkrippen für die Kinder, teure Wohnungen – war das recht unbequem für die Feuilletonkommentatoren. Plötzlich war die Tatsache, dass die in Großbritannien ansässigen Polinnen mehr Kinder bekommen als etwa Immigrantinnen aus Bangladesch, ein Beispiel für das jämmerliche Versagen der Sozialpolitik zuhause.

Einzigen Stellen in „McJobs“

Die unbequeme Wahrheit sieht so aus, dass die bestgebildete Generation in Polens Geschichte – fast die Hälfte der 25-Jährigen hat ein abgeschlossenes Hochschulstudium – sich mit einem schrecklichen Arbeitsmarkt begnügen muss. Das ist nicht allein auf die Weltwirtschaftskrise zurückzuführen: In Polen verlangsamte sich nur zeitweilig das Wachstum, das Bruttoinlandprodukt ging nicht zurück. Trotzdem sieht die Zukunft für die meisten jungen Polen alles andere als rosig aus – der Staat, der viel Geld für ihre Ausbildung ausgegeben hat, braucht sie auf dem Arbeitsmarkt nicht und weiß nicht, was er mit ihnen anfangen soll: Die offizielle Beschäftigungsrate für Universitätsabgänger liegt bei 20 Prozent.

Diejenigen, die eine Stelle bekommen, sind ebenso frustriert – sie haben den Eindruck, unter Qualifikation zu arbeiten, oft in „McJobs“ ohne Aufstiegsmöglichkeiten, und häufig wird ihnen ein großer Teil ihres Einkommens unter der Hand ausgezahlt, um steuerliche Abgaben zu vermeiden, – was es wiederum schwierig macht, zum Beispiel einen Immobilienkredit zu bekommen. Es gibt so gut wie gar keine Arbeitsplatzsicherheit; die Arbeitgeber dünken sich auf einem Käufermarkt und glauben, sie können immer einen besseren (sprich „nachgiebigeren“) Angestellten finden. Eingestellt wird man nur langsam, entlassen aber schnell.

Kein Platz für Akademiker

Für die meisten Westeuropäer ist das ein vertrautes Bild. In Spanien ist die Arbeitslosigkeit der jungen Akademiker doppelt so hoch wie in Polen. Der Unterschied sind die hohen Auswanderungszahlen in Polen und das völlige Fehlen einer Protestbewegung – was es den Politikern erleichtert, zu diesem Thema zu schweigen, oder ideologische Scheinerklärungen abzugeben.

Ein Teil des Problems ist strukturgebunden. In der technisch weniger entwickelten polnischen Wirtschaft, in welcher kleine Familienbetriebe vorherrschen, gibt es herzlich wenig Arbeit für Akademiker. Vor ein paar Wochen veröffentlichte die Zeitung, für die ich arbeite, einen Brief von einer jungen Absolventin des Jurastudiums, die an ihrer Doktorarbeit schreibt. Sie fand keine Stelle, bei der sie ihr Diplom hätte nutzen können. Als sie dann versuchte, Büroangestellte zu werden, schrieb ihr der potenzielle Chef, er gehe davon aus, dass sie auch seine Geliebte würde, und fügte hinzu: „Wenn Sie das nicht akzeptieren, dann antworten Sie nicht auf meine E-Mail. Es ist mir egal, was Sie denken.“ Man stelle sich nun 50.000 Absolventen der Geisteswissenschaften – denn so viele produzieren wir jedes Jahr – auf einem solchen Arbeitsmarkt vor.

Ohne Jugend, keine Proteste, keine Verbrechen, keine Probleme

Das wichtigste Problem ist vielleicht unser ineffizienter Staat und seine ergrauenden, der Realität entrückten Politiker. Zwei der größten politischen Parteien werden von Männern über 50 und 60 geleitet, die mit dem Kampf gegen den Kommunismus aufgewachsen sind. Angesichts der Probleme der Jugend legen sie Lippenbekenntnisse ab, sehr viel mehr aber nicht. Die vom Staat gebotenen Lösungen – ein paar Steuererleichterungen für Arbeitgeber, die Studienabgänger einstellen – sind ebenfalls beschämend unzulänglich.

Der Staatsapparat ist aufgebläht und bekanntlicherweise ineffizient: Die Regierung gab kürzlich zu, dass auf 50 Zloty [rund 12,70 Euro] an Sozialversicherungsauszahlungen rund 100 Zloty [rund 25,30 Euro] an administrativen Ausgaben kommen. Da verwundert es kaum, dass für auf die Jugend ausgerichtete Sozialprogramme kein Geld da ist. Kein Wunder, dass sie Polen verlassen. Neuesten Forschungen zufolge arbeiteten 2009 zwischen 1,8 und 2,4 Millionen meist junge Polen im Ausland. Trotz der Krise im Westen scheinen sie nicht zurückzukehren.

Unsere Politiker sagen vielleicht: „Wir wollen nicht, dass unsere Jugend in London ist, wir wollen sie in Polen.“ Doch in Wirklichkeit tun sie jedes Mal, wenn sie das sagen, einen Stoßseufzer. Sie freuen sich, dass die jungen Leute weg sind: keine Proteste, keine Verbrechen, keine Probleme. Manche von ihnen schicken sogar Geld nach Hause.

Aus dem Englischen von Patricia Lux-Martel

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