Griechenland: Griechisches Kino: Die bizarre Welle

Szenenbild aus Yorgos Lanthimos' Dogtooth (2010).
Szenenbild aus Yorgos Lanthimos' Dogtooth (2010).
2. September 2011 – The Guardian (London)

Gibt es eine Verbindung zwischen den so herrlich seltsamen Filme von Yorgos Lanthimos oder Athina Rachel Tsangari und den Wirtschaftsturbulenzen Griechenlands? Und werden sie in diesem leidgeprüften Land auch weiterhin Filme drehen?

Vermutlich ist es der schlechteste Kuss der Filmgeschichte. Vor einer weißen Mauer stehen sich zwei junge Frauen gegenüber. Sie recken ihre Hälse, blockieren ihre Lippen und verbiegen ungeschickt ihre Rachen. Nicht ein Hauch von Leidenschaft. Vielmehr ähneln sie zwei Vögeln, die versuchen, einander zu füttern. Das Ganze dauert eine entsetzliche Minute an. Dann halten sie inne. Eine von ihnen sagt, sie fühle sich ganz so, als müsse sie erbrechen. Anschließend reiben sie unbeholfen ihre Zungen aneinander. Danach spucken sie sich gegenseitig an, prusten verächtlich und fauchen einander an wie Katzen.

'Attenberg' der griechischen Regisseurin Athina Rachel Tsangari ist kein wirklichkeitsnaher Film. Die 23jährige Filmheldin Marina ist eine Outsiderin, die sich allein vor der orstellung menschlicher Kontakte ekelt. Ihrem im Sterben liegenden Vater steht sie sehr nahe und erzählt ihm, dass sie ihn sich nackt, „aber ohne Penis“ vorgestellt hat. Ihre Zeit vertreibt sie sich mit der Musik von Suicide und Dokumentarfilmen von David Attenborough. Und auch wenn sie redet wie in einer überkandidelten Nummer einer Romantikkomödie, ganz im Stil von Zooey Deschanel, ist sie doch das ganze Gegenteil davon. Wie der Film um sie herum ist Marina herausfordernd exzentrisch, aber ebenso intelligent, sensibel und irgendwie auch vernünftig.

Auch dem durchschnittlichen Kinobesucher fällt auf, dass Attenberg nicht der erste so herrlich seltsame Film ist, der in letzter Zeit in Griechenland gedreht wurde. Vergangenes Jahr gab es Dogtooth von Yorgos Lanthimos: Eine surreale und trockene Studie familiärer Ungerechtigkeit, in der drei Teenager zu Hause festgehalten und über die Außenwelt systematisch falsch informiert werden. Das Ganze geht soweit, dass sie glauben, Katzen seien bösartige Mörder, Zombies kleine gelbe Blumen und Inzest ein alltäglicher Zeitvertreib.

In den letzten Jahren hat Griechenlands weltweites Image als Urlaubsidylle im Mittelmeer und Heimat der ‚big fat weddings ‘ ziemlich gelitten. Derzeit gilt das Land vielmehr als ziemlich explosiver Krisenherd. Und das nicht nur im Bereich der Wirtschaft: Vergessen wir nicht Griechenlands Straßenschlachten 2008. Vielleicht wird deshalb erwartet, dass sich auch die Kinolandschaft des Landes verändert. Aufgrund der ständig steigenden Zahl unerklärlich seltsamer neuer griechischer Independent-Filme haben Trendscouts eine neue griechische Welle angekündigt, oder, wie einige sie nennen: Die „seltsame griechische Welle“. Ob diese einprägsame Bezeichnung nun passt oder nicht: Sollte es eine Welle geben, sei sie nun seltsam oder was auch immer, fest steht, dass Lanthimos und Tsangari ganz oben auf ihrem Kamm reiten. Dogtooth bekam einen Preis in Cannes und wurde für einen Oscar nominiert. Und im vergangenen Jahr gewann die in Attenberg spielende Ariane Labed bei den Filmfestspielen von Venedig den Preis für die beste Darstellerin.

Ist es purer Zufall, dass das weltweit gepeinigtste Land das weltweit chaotischste Kino schafft? Attenberg mag zwar nicht unmittelbar Griechenlands Finanzkrise behandeln, dennoch denkt er auf seine Weise über die heutige Generation von Griechen und das Erbe nach, das man ihnen hinterlassen wird. Der Film spielt in den 1960er Jahren. In einer Industriestadt namens Aspra Spitia, die ganz gewiss schon bessere Zeiten erlebt hat. Marinas im Sterben liegender Vater, ein Architekt, betrauert das Scheitern seines utopischen Modernismus. „Da wo einst Schafe weideten haben wir eine Industriezone errichtet. Im Glauben, wir würden damit eine Revolution losbrechen“, erzählt er ihr. „Ich überlasse Dich den Händen eines neuen Jahrhunderts, ohne Dir irgendetwas beigebracht zu haben.“

Auch Dogtooth, trotz einer gewissen abstrakten Schwerfälligkeit, könnte als Anklage der älteren Generation verstanden werden. Darin irren Teenager mit verbundenen Augen stolpernd in ihren Gärten umher und greifen zu Betäubungsmitteln, um sich die Zeit zu vertreiben. Oder sie zitieren aus amerikanischen Filmen ohne wirklich zu wissen, was sie da von sich geben.

Trotz des Erfolgs von Dogtooth begegnet Yorgos Lanthimos der Frage, ob sich im griechischen Kino etwas tut, mit Skepsis. „Nun ja, die Wahrheit ist, dass Menschen irgendwann den Drang verspüren, irgendetwas erkennen müssen“, erklärt er. „Vielleicht ist das Ganze nicht purer Zufall, aber ich befürchte, dass es dafür keine wirkliche Grundlage gibt. Es gibt nicht so etwas wie eine gemeinsame Weltanschauung, was meiner Meinung nach eine gute Sache wäre. Was uns verbindet? Wir haben kein Geld. Aus diesem Grund müssen wir unsere eigenen, sehr billigen und sehr kleinen Filme machen.“

Tsangari meint, dass Griechenlands neue Generation Eines vereint: Die Beschäftigung mit der Familie. „Die Griechen sind wie besessen davon. Warum es unserer Politik und Wirtschaft so schlecht geht? Weil sie geführt wird wie eine Familie. Es geht darum, wen du kennst.“ Im weiteren Sinne lehnen sich die jungen Griechen gegen die Zwangsherrschaft ihrer Herkunft auf, Griechenlands Nostalgie der eigenen Geschichte. „Das 21. Jahrhundert ist etwas, was wir alle versuchen, zu untergraben.“

Wie einfach das sein wird, wird sich zeigen. Lanthimos neuer Film Alps (natürlich von Tsangari produziert) feiert in Venedig Premiere. „Darin geht es um einen Gruppe von Menschen, die gebucht werden können, um für tote Verwandte und Freunde einzuspringen“, erzählt er. „Im Grunde geht es um eine Krankenschwester, die Menschen in Krankenhäusern antrifft, die jemanden verloren haben. Ihnen nähert sie sich als potentielle Kunden an. Das ist ziemlich lächerlich und tragisch.“ Davon abgesehen denkt Lanthimos allerdings, dass er seine Filme nicht mehr in Griechenland machen kann: „Ich dachte, der Erfolg von Dogtooth würde mir die Dinge einfacher machen. Das hat sich nun geändert. Ich weiß nicht, wie lange die Menschen sich noch für die Kunst aufopfern werden.“

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