Europa hat einen Vater verloren

"Danke für alles, Herr Präsident". Hommage an Vaclav Havel vor dem Ostböhmischen Theater in Pardubitz.
"Danke für alles, Herr Präsident". Hommage an Vaclav Havel vor dem Ostböhmischen Theater in Pardubitz.
19. Dezember 2011 – Presseurop La Repubblica, De Morgen, Libération & 4 weitere

Die europäische Presse erweist dem Schriftsteller, Dissidenten und ersten Präsidenten der postkommunistischen Tschechoslowakei beinahe einstimmig die letzte Ehre. Václav Havel starb im Alter von 75 Jahren am 18. Dezember an Krebs.

In der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza gedenktder ehemalige Dissident Adam Michnik seines ehemaligen kommunistischen Mitstreiters im Kampf gegen den Kommunismus:

Gazeta Wyborcza, Varsovie

Václav Havel führte ein Leben der Wahrheit. Er kämpfte gegen Konformismus und Hypokrisie. Als Schriftsteller und Dissident war er ein aktiver Opponent. Er verfasste Theaterstücke und Essais. Alle diese Eigenschaften verkörperte er gleichzeitig und beinahe perfekt. […] 1983 beschäftigte er sich mit der Frage, welche Rolle dissidente Schriftsteller eigentlich spielen. Er kam zu dem Schluss, dass nur sie laut sagen, was alle wissen, aber niemand offen zugibt. Auch wenn Dissidenten der Gedanke, das Gewissen der Nation zu sein, unerträglich ist, sprechen sie für all jene, die schweigen. Sie riskieren ihr Leben dort, wo es anderen an Mut fehlt. […] Václav Havels Leben und Erbe sind eine Synthese aus Bescheidenheit und Stolz, aus ungebrochenem Heldentum und selbstironischem Sarkasmus. Eitelkeit, Hass und Fanatismus waren ihm fremd. Als Rebell gegen Diktatur und die Stereotypen seiner Zeit hat er den Kampf gegen den Konformismus seiner Mitbürger nie aufgegeben.

In Adevărul schreibtGrigore Cartianu, nach Václav Havels Tods sei "der Kontinent trauriger und der Winter grauer". Der Chefredakteur der Bukarester Tageszeitung erinnert an seinen Text aus dem Jahr 2007, in dem er beklagt, dass Rumänien nicht mit einer leuchtenden Figur wie dem ehemaligen tschechoslowakischen Präsidenten gesegnet war:

Adevărul, Bucarest

Als ich 2002 erfuhr, dass Havel die Rolling Stones nach Prag eingeladen hatte, um zusammen Mick Jaggers Geburtstag zu feiern, erinnerte ich mich plötzlich daran, dass 1990 [der erste postkommunistische rumänische Präsident] Ion Iliescu Bergleute nach Bukarest bestellt hatte [um die Demonstrationen gegen das neue Regime gewaltsam aufzulösen]. Zwei Präsidenten, zwei Lebensanschauungen.

In Berlin [unterstreicht](http://www.tag, editor in chief of Gaesspiegel. de/politik/keiner-tat-so-viel-fuer-die-tschechisch-deutsche-aussoehnung/5973060.html) der Tagesspiegel, Havel hätte

Der Tagesspiegel, Berlin

die geopolitische Situation seines Landes und Ostmitteleuropas nachhaltig beeinflusst. […] Aber Havel unterstützte auch die Unterstützung der ostmitteleuropäischen Staats- und Regierungschefs für den Irak-Krieg der USA [2003] und erregte damit nicht geringe Irritation. Wie er überhaupt ein Staatsmann war, der immer für ungewöhnliche Äußerungen und Wendungen gut war. Die Deutschen haben besonderen Anlass, Havels mit Dankbarkeit zu gedenken. Denn keiner hat sich so wie er für die tschechisch-deutsche Aussöhnung eingesetzt. […] Gerade zum Präsidenten gewählt, überraschte er seine Landsleute und die Bundesrepublik mit einem hochsymbolischen Akt, der den Dramatiker erkennen ließ: Am gleichen Tag absolvierte er zwei Staatsbesuche, in (Ost-)Berlin und München, und verband damit sozusagen in einem Hand-, sprich: Flug-Streich zwei für die Tschechen traumatische Daten – vormittags Berlin, wo Hitler 1939 den tschechischen Ministerpräsidenten zur Kapitulation zwang, nachmittags München, wo 1938 das Abkommen geschlossen wurde, das den Anfang vom Ende der freien Tschechoslowakei und den Auftakt zum Krieg bedeutete.

In The Guardian beschreibtder Historiker Timothy Garton Ash den verstorbenen Václav Havel als "Hauptfigur eines Theaterstücks, das den Lauf der Geschichte in neue Bahnen gelenkt hat":

The Guardian, Londres

Havel war einer der markantesten europäischen Persönlichkeiten des auslaufenden 20. Jahrhunderts. Er war nicht nur der Archetyp des Dissidenten […]. Er war nicht nur der Auslöser einer samtenen Revolution: Er war der Initiator der ursprünglichen Samtenen Revolution, der Revolution, die seit 1989 vielen anderen gewaltlosen Massenprotesten ihren Namen vermacht hat.

Die französische Tageszeitung Libération erinnert unter der Schlagzeile "Der Dissident" an Milan Kunderas Worte: "Václav Havels schönstes Werk ist sein Leben."

Libération, Paris

Mit einer Handvoll Dissidenten führte er ein Leben der Wahrheit gegen die Propaganda, setzte das Konzept der Macht der Machtlosen wieder um und verbannte den Kommunismus ins Museum der verlorenen Illusionen. Havel kombinierte Überzeugung mit Verantwortungsbewusstsein. Der Dissident wurde zum Entscheider. Er übernahm die Verantwortung, mit der das Schicksal ihn betraute, und weigerte sich, die Opferrolle zu spielen. Kurz nach seiner Wahl zum Präsidenten erklärte er seinen Mitbürgern, dass ausnahmslos alle in unterschiedlichem Ausmaß dazu beigetragen hätten „das totalitäre System aufzubauen und aufrechtzuerhalten“. In unserer Zeit der Revolutionen und fiebrigen Übergangsphasen sollten wir uns an eine weitere Lehre des Philosophenpräsidenten erinnern: Havel lehnte Abrechnungen, Racheakte und emotionsgeladene Vergeltungsjustiz ab. [...] Nur so kann die gärende Demokratie zur vollen Reife gelangen.

Der Leitartikler Sandro Vialo, der Havel vor dem Sturz des Kommunismus kennengelernt hat, ehrtin der italienischen La Repubblica das Andenken an den letzten "moralistischen" Politiker:

La Repubblica, Rome

Nur er konnte den beispielhaften neuen Staatsmann verkörpern, der nicht nur mit den Interessen seiner Partei, seinem persönlichem Ehrgeiz und der Fähigkeit, in der Misere der Politik zu überleben, an die Macht kommt, sondern auch eine umfassendere, edlere Vision des Menschen und der Welt vertritt, als die der übrigen europäischen Staatschefs.

"Ein wenig Havel in der Rue de la Loi [wo das belgische Parlament und die Regierung untergebracht sind] könnte nicht schaden", so Steven Samyn in seinem Editorial der Tageszeitung Morgen. Er erinnert an den Dokumentarfilm Občan Havel (Bürger Havel) von Pavel Koutecký und Miroslav Janek, der zeigt, wie die tschechischen und slowakischen Politiker nach dem Sturz des Kommunismus allmählich ihre Unschuld verlieren und langsam im Zynismus der parteipolitischen Intrigen versinken. In diesem Film sehen wir:

Logo – De Morgen, Bruxelles

einen bescheidenen Mann, der seinen Grundsätzen treu bleibt, auch wenn sie altmodisch sind. Er verteidigte die Roma, obwohl das einem politischen Selbstmord gleichkam.